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Obwohl die COVID-19-Pandemie der Mobilität einen Dämpfer versetzt hat, ist und bleibt das Thema Mobilität einer der Megatrends des 21. Jahrhunderts. Nie wurde mehr geflogen, waren mehr Pkw auf den Straßen und wurden mehr Dienstreisen unternommen als in diesem Jahrhundert. Die Kehrseite: Nie war die Luftverschmutzung größer, waren die Staus länger und gab es eine größere Distanz zwischen Arbeitsplatz und Wohnstätte als dieser Tage. Diese Gegensätze zeigen auf, in welchem Dilemma die globalisierte Welt derzeit steckt. Moderne Verkehrsmittel bringen Menschen und Märkte näher zusammen und steigern damit Wachstumschancen und einen internationalen Zusammenhalt. Doch diese Entwicklung im Mobilitätsbereich geht auch zulasten der Umwelt und befeuert die Klimaerwärmung. Ein Umdenken ist daher notwendig: Erst im November dieses Jahres gab es auf der 26. Weltklimakonferenz in Glasgow erstmals in der Geschichte der Weltklimakonferenzen in der Abschlusserklärung eine von allen Staaten akzeptierte Einigung, die Energiewende zu beschleunigen. Diese ist auch notwendig, um das 1,5-Grad-Ziel für die Erderwärmung zu erreichen: „Glasgow bringt eine deutliche Beschleunigung für den Klimaschutz, und mehr Tempo ist auch erforderlich. Die 20er Jahre sind das Jahrzehnt, in dem die Weltgemeinschaft die entscheidenden Fortschritte machen kann und muss. Diese Konferenz hat gezeigt, dass die Welt ein gemeinsames Ziel verfolgt, eine klimaneutrale Weltwirtschaft. Das fossile Zeitalter geht zu Ende, die Energiewende wird weltweit zum Leitbild“, erklärt die amtierende Bundesumweltministerin Svenja Schulze in einer Pressemitteilung.

Doch nicht nur eine Abkehr von fossilen Brennstoffen könnte ein Lösungsansatz für dieses Problem sein: Die multimodale Verkettung verschiedener Verkehrsmittel ist ein weiterer Ansatz, das Ziel des Pariser Abkommens von der Begrenzung der Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Niveau um 1,5 Grad zu erreichen. Insbesondere Unternehmen, die oftmals als maßgeblicher Verursacher von Verkehr und damit von Schadstoff- und CO2-Emissionen gelten, hätten das Potenzial, die Verminderung der Emissionen und damit auch die Erderwärmung entscheidend zu beeinflussen. Denn 60 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland pendeln täglich zur Arbeit, durchschnittlich 16,8 Kilometer. Das beliebteste Verkehrsmittel ist hier mit Abstand das Auto – mit einem Anteil von bis zu 79 Prozent dominiert der Pkw-Individualverkehr im täglichen Berufsverkehr. Alternative Verkehrsmittel, wie etwa das Fahrrad oder der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV), und alternative Verkehrskonzepte wie beispielsweise Sharing oder Ridehailing sind umwelt- und sozialverträglicher und somit wünschenswert, spielen oftmals aber aufgrund ihrer geringen Attraktivität und Verbreitung noch eine eher untergeordnete Rolle. Gleichzeitig zeigen deutschlandweite Mobilitätserhebungen wie die des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), dass Menschen ihre Mobilität im Zuge der COVID-19-Pandemie eingeschränkt und reduziert haben. Dabei sei der öffentliche Personennahverkehr besonders stark vom Rückgang der Mobilität betroffen. So wollen selbst 37 Prozent, der mehr als 1.000 befragten Personen in der DLR-Mobilitätserhebung, die vor der COVID- 19-Pandemie den ÖPNV genutzt haben, diesen in Zukunft weniger oder gar nicht mehr nutzen. 15 Prozent der ÖPNV-Abo-Kundinnen und -Kunden haben dieses inzwischen gekündigt. Dagegen hat nur ein Prozent derjenigen, die bisher kein ÖPNV-Abo hatten, ein neues abgeschlossen. Der Grund für diese Abkehr vom ÖPNV: Das gemeinsame Nutzen von Verkehrsmitteln wird weiterhin von 52 Prozent als unangenehm empfunden. 53 Prozent fürchten sich vor einer Ansteckung. 68 Prozent stört es, dass Mitfahrende ihre Masken nicht oder nicht richtig tragen. 59 Prozent wünschen sich mehr Kontrollen und 55 Prozent versuchen, wenn möglich den ÖPNV zu meiden.

Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse der DLR-Befragung, dass sich die Autonutzung auf einem Niveau hält, das deutlich höher liegt als vor der Pandemie. Dies trifft besonders auf Menschen zu, die vor der Corona- Pandemie mit einem Mix aus den Verkehrsmitteln Pkw, Fahrrad und ÖPNV unterwegs waren. So nutzen beispielsweise 46 Prozent von ihnen inzwischen ausschließlich das Auto. Bereits bei der ersten Befragung im April 2020 lag diese Zahl bei 42 Prozent. „Das ohnehin bei diesen Personen zum Verkehrsmittel-Mix gehörende Auto hat damit sehr schnell und anhaltend die Oberhand gewonnen. Bei den ÖPNV-Nutzenden hat diese Entwicklung etwas länger gedauert. Im ersten Lockdown haben sie weitgehend den öffentlichen Verkehrsmitteln die Treue gehalten. Inzwischen hat sich jedoch auch bei dieser Gruppe zu 50 Prozent der Pkw durchgesetzt“, erläutert Dr. Claudia Nobis, Projektleiterin vom DLR-Institut für Verkehrsforschung in Berlin. Dennoch ist der Wandel in der Unternehmensmobilität nicht zum Erliegen gekommen: So gehen 39,6 Prozent der Befragten in unserer Onlineumfrage (Seite 68) davon aus, dass sich das Verhältnis von flexiblen Mobilitätslösungen zu fest zugeordneten Fahrzeugen künftig zugunsten der flexibleren Lösungen verschieben wird. Nicht anders ist zu erklären, dass nicht nur Konzerne, sondern vermehrt auch kleine und mittelständische Unternehmen ihren Mitarbeitern anbieten, sich anstatt jeden Morgen mit dem Dienstwagen auf dem Weg zur Arbeit in den Stau zu stellen, eine Kombination aus Bikesharing und ÖPNV zu nutzen oder sich einer Mitfahrgelegenheit anzuschließen. Voraussetzung hierfür wäre, dass den Mitarbeitern die Kombinationen von Verkehrsmitteln aufgezeigt werden, beispielsweise durch eine App, und sie gleichzeitig auch die Möglichkeit haben, die einzelnen Fortbewegungsarten zu wählen. Einige Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern schon heute anstelle eines Dienstwagens ein Mobilitätsbudget (Seite 76) an, bei dem die Mitarbeiter selbst entscheiden können, wie sie dieses für ihren beruflichen Mobilitätsbedarf verwenden. So kann der Mitarbeiter sich für ein Dienstrad (Seite 74), einen Dienstwagen, ein Bahnticket oder eine Kombination aus allem entscheiden. Immer perfekt auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten. Auch der kurzfristige Bedarf an Dienstwagen (Seite 72), um beispielsweise zu Veranstaltungen zu fahren, könnte mittels Kurzzeitmieten innerhalb des Mobilitätsbudgets abgedeckt werden. Die rechtlichen Aspekte (Seite 62), die bei der Implementierung eines Mobilitätsbudgets im Unternehmen berücksichtigt werden sollten, erläutert Rechtsanwalt Lutz D. Fischer gesondert in einem Artikel.

Im Zuge des aufkommenden Megatrends Mobilität verstehen sich Leasinggesellschaften und Autohersteller als Mobilitätsdienstleister und stellen bei der Entwicklung neuer Produkte die Nutzung in den Mittelpunkt. Es geht also weniger um das Auto an sich, sondern um die Fahrt von A nach B. Aktuelle Beispiele dafür sind Genesis, eine Marke der Hyundai Motor Group, welche zum Markteintritt in Deutschland unter anderem auf ein maßgeschneidertes Auto-Abonnement setzt, sowie die Geely-Tochter Lynk & Co, deren Modelle derzeit in Deutschland lediglich zum Kauf oder in Form einer monatlichen Mitgliedschaft angeboten werden. Allgemein ist ein Trend zu Konzepten der Interimsmobilität in Form von Auto-Abos oder einer Langzeitmiete zu erkennen (Seite 70): Dabei geht es nicht immer nur darum, einen temporären Bedarf abzudecken, sondern beispielsweise auch darum, neuen Mitarbeitern einen Dienstwagen übergeben zu können, ohne dabei langfristig an einen Vertrag gebunden zu sein und die Kosten für diesen Dienstwagen aus dem Blick zu verlieren. Daneben werden Auto-Abos aber auch gerne genutzt, um neue Technologien zum Beispiel im Bereich der Elektromobilität auszutesten. So bietet beispielsweise Mercedes-Benz mit dem Mercedes-EQ Abo eine Möglichkeit, die rein elektrischen Modelle der Marke – derzeit EQA, EQC und EQV – zu testen. Im Abopreis sind alle Gebühren enthalten, lediglich die Ladekosten sind zu begleichen. Damit erhalten Flottenverantwortliche oder zukünftig wohl eher Mobilitätsmanager volle Kostenkontrolle. Welche Bedeutung der Digitalisierung im Bereich Auto-Abo dabei zukommt (Seite 82), erläutert Carsten Kaufmann, Senior Key Account Manager bei der AUTOROLA GmbH, in einem Gastbeitrag.

Die Unternehmensmobilität hat noch eine weitere Facette: Dienstreisen. Seit dem Frühjahr 2020 überschatten die COVID-19-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen diesen Bereich besonders. So verzeichnete der Luftverkehr in Deutschland für das erste Halbjahr 2020 einen Passagierrückgang um satte 68,5 Prozent. Besonders drastisch: Im April und Mai 2020 hatten die deutschen Flughäfen nur etwa zwei Prozent des Passagieraufkommens des Vorjahres. Auch die Bahn ist von einem massiven Rückgang betroffen: Im ersten halben Jahr 2020 fuhren 662,5 Millionen Menschen mit der Bahn – das entspricht einem Minus von 36,9 Prozent im Vergleich zum selben Zeitraum 2019. Die Folgen dieser massiven Einbrüche zeigten sich besonders in der Luftfahrtbranche, welche in eine existenzbedrohende Situation geriet und staatliche Hilfen benötigte. Gleichzeitig setzen Reisewarnungen und -beschränkungen noch immer die Branche lahm. Zudem verzichten viele Menschen aufgrund von Sicherheitsbedenken auf Flüge, Bahn- und Busreisen. Das Vertrauen in ein – im Sinne des Infektionsschutzes – sicheres Verkehrssystem ist massiv gestört. Mit einer Erholung ist laut des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft e. V. erst im Jahr 2024 zu rechnen. Auch der Fernverkehr der Deutschen Bahn wird nach dem integrierten Zwischenbericht Januar–Juni 2020 frühestens im kommenden Jahr das 2019er-Niveau erreichen. Ob diese Prognosen einzuhalten sind, ist gerade mit Blick auf das derzeitige Infektionsgeschehen und mögliche (Teil-)Lockdowns fraglich. Wie die Unternehmensmobilität in Zukunft aussehen könnte (Seite 78), verrät der Special-Artikel „Quo vadis? Ein Blick in die Kristallkugel auf der Suche nach der Mobilität von morgen“.