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Im normalen Leben bedient man sich üblicherweise anderer Mechanismen als der strikten Logik, um sein Verhalten zu steuern. Früher ging man relativ naiv davon aus, dass unser Denken und Handeln vernunftgeleitet sei, ja dass vollständige uneingeschränkte Rationalität zum Zwecke der Erreichung von Zielen zur Anwendung komme. Man sieht schon, das Ganze ist ein wenig verwickelt oder anders ausgedrückt: etwas wackelig.

Denn ein beiläufiger Blick – wohin auch immer – lässt erhebliche Zweifel an dieser Annahme aufkommen. Nun gut, das haben auch Verhaltensökonomen und Psychologen schon festgestellt und sich mit „begrenzter Rationalität“ („bounded rationality“) herausgewunden. Denn (leider) haben die Menschen nur begrenzte kognitive Fähigkeiten, die eigentlich vonnöten wären, um rational entscheiden zu können. Und dann kommen eben „Heuristiken“ zum Einsatz, diese seltsame Kunst, aus wenig viel zu machen. Man kennt das von sich selbst: mit begrenztem Wissen und wenig Zeit zu irgendwelchen praktikablen Lösungen zu gelangen. 

Dabei gelangt man trotz anscheinend analytischem Vorgehen schnell in den nebulösen Bereich der Mutmaßungen und Vermutungen, basierend auf Erfahrungen, die auch falsch sein können. Oder die durch verzerrte Wahrnehmung und Scheinkorrelationen zustande kommen. Von solchen „intellektuellen“ Tiefflügen bekommen wir augenblicklich wahrlich genügend Anschauungsmaterial geboten. Ja sogar der bekannte und beliebte Pop-Philosoph Richard David Precht tappte bei Lanz & Precht in die Corona-Impffalle von quergedachtem Halbgegarten.

Doch schon der eigentlich weniger bekannte polnische Philosoph Wieslaw Sztumski befand 2002: „Die Welt ist ihrer Natur und ihrem Wesen nach weder stabil noch gewiss.“ Fein gesagt, aber irgendwie auch sonnenklar, nicht zuletzt angesichts des wie auch immer gearteten Klimawandels. Er warnt sogar vor zu viel Einsatz („Jagd“) der Rationalität, weil diese die Weiterentwicklung behindere. Na also, nicht zu viel nachdenken, sondern gemäß der Artikel 2 und 3 des Kölner Grundgesetzes: „Et kütt wie et kütt“ und „Et hätt noch emmer jot jejange“ ans Werk gehen.

Aber man sollte gerade das Letzte nicht überstrapazieren. Gerade die Bundestagswahl zeigt ja eher in eine andere Richtung: „Et bliev nix wie et wor“ (Artikel 5). Da kann man insbesondere auf die Aktivitäten im Verkehr gespannt sein. Nachdem man „Andy“ Scheuer (wohl) das Handwerk gelegt hat (welches war das eigentlich?), wird nun eine neue Fachkraft das Zepter in die Hand nehmen und eine neue Rationalität einführen. Denn Rationalitäten gibt es jede Menge, da hat man mehr oder weniger freie Auswahl, je nachdem, was die ausführende Person (oder Partei?) im Schilde führt. Da kann man die Wissenschaft, die Moral, die Ethik oder einfach Pragmatismus vorschieben. Klingt alles gut, aber die Polarisierung ist das Problem. Es gibt anscheinend immer nur noch Schwarz oder Weiß, Null oder Eins, dazwischen eher nichts, Vakuum.

In der 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts kam der aus Persien in die USA eingewanderte Elektroingenieur russischer Herkunft (!) Lotfi A. Zadeh auf die fulminante Idee, genau diese Schwachstelle der Logik zu stopfen und statt „Ja“ und „Nein“ ein „Vielleicht“ („fuzzy“) einzuführen. Für Mathematiker (was er auch war) ein sehr unangenehmes Gefühl, denn die Welt sollte sauber geordnet sein. Die Physiker hatten mit dem Thema da schon lange abgeschlossen, denn die Quantenmechanik strapaziert die Fantasie über Gebühr, da Wahrscheinlichkeiten nicht mehr auszumerzen sind. Da ist nichts mehr wirklich klar. Erst hingucken scheint da eine „Realität“ herzustellen. Schrödingers bekannte Katze lässt grüßen!

Anfang der 90er Jahre bekam diese Fuzzy-Idee insbesondere aus Japan in Staubsaugern, Waschmaschinen, Kameras oder Toastern einen enormen Schub und Fuzzy-Logic wurde reihenweise angeboten. Irgendwie ist der Werbefaktor dafür verblasst, es gibt es noch, aber man redet nicht mehr drüber. Heute ist Künstliche Intelligenz (KI) das Schlagwort, oder besser der Standard schlechthin. Es wird weitere geben nach KI. Dann ist vielleicht die Künstliche Rationalität das Mittel der Wahl. 

Gerade beim Thema Verkehr ist mit der Ratio nicht gut Staat zu machen, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn eigentlich stört er nur, überall wo er AUTOR auftritt. Zu laut, zu dreckig, zu klimaschädlich, zu gefährlich, zu teuer und was einem sonst noch so einfällt. Logischerweise müsste man ihn also einfach abschaffen. Geht auch nicht so ohne Weiteres, denn wie kommt man dann wohin auch immer, egal warum. Das Gegenteil, totale uneingeschränkte Mobilität will auch keiner, also muss Fuzzy-Logic her. 

Ein wenig hiervon und ein wenig davon, kurz umrühren und fertig ist das neue Verkehrsrezept. Die Fronten sind allerdings, nicht zuletzt nach der Weltklimakonferenz COP26 („Conference of the Parties“) Anfang November in Glasgow verhärteter denn je. Da steht dann nicht nur der Verkehr zur Diskussion, sondern unsere ganze Industrie an und für sich. Und damit natürlich auch die Arbeitsplätze und am Ende, ja unser Wohlstand.

Wir haben also die Wahl zwischen Pest und Cholera, wie man so schön (?) sagt, was angesichts von Corona in der Tat ein wenig skurril daherkommt. Entweder der Klimawandel überschwemmt und überrennt uns oder wir darben in Armut in schöner Natur wie zur Steinzeit. In den Talkrunden kann einem angst und bange werden angesichts der immer düster werdenden Prognosen. Und da sowieso schon alles zu spät zu sein scheint, braucht man eigentlich auch keinen Ausweg mehr zu suchen.

Kohle- und Atomkraftwerke hin oder her, Erdöl und -gas rein oder raus, die Sonne und der Wind sollen es richten. Doch so einfach ist die Energiefrage allenthalben nicht. Da gibt es beispielsweise die „Clean Vehicles Directive“ (CVD) der EU, die mit dem „Gesetz über die Beschaffung sauberer Straßenfahrzeuge“ in Deutschland umgesetzt wird. Das heißt im Klartext, dass ab 2. August 2021 bei Neubeschaffungen der Kommunen 45 Prozent der Busse und 10 Prozent aller schweren Lkw mit alternativen Antrieben daherkommen müssen, ab 1. Januar 2026 sogar 65 Prozent der Busse und 15 Prozent der Lkw. Bei den Bussen muss jeweils die Hälfte sogar komplett emissionsfrei sein, also weniger als ein Gramm Kohlendioxid pro Kilometer emittieren dürfen. Das ist eigentlich nur mit Elektro- oder Brennstoffzellenfahrzeugen zu schaffen. Bei den Pkw und leichten Nutzfahrzeugen sind dies 38,5 Prozent, in der ersten Phase maximal 50 g/km Kohlendioxidausstoß als Kriterium ab 2026 null Gramm!

Nun schwant den Kommunen langsam, dass die Vorgaben der CVD elektrisch in den Zeiträumen nicht zu schaffen sind. Wollte man ursprünglich den Einsatz reiner Bio- und synthetischer Kraftstoffe unterbinden, so dürfen die Kommunen nun „betriebsintern“ diese doch einsetzen. Die Kohlendioxidersparnis gegenüber normalen Dieselmotoren beträgt immerhin 92 Prozent. Private Busunternehmen oder andere Transporteure dürfen dies nicht. 

Dazu kommen auch einige technische Probleme, wohl beim elektrischen Laden von Bussen entstanden, die wie in Düsseldorf, Hannover oder Stuttgart gern mal reihenweise abbrennen. Was das alles kostet, bleibt auf der Strecke, oder anders ausgedrückt beim ÖPNV-Nutzer. Attraktiver wird der Umstieg auf den Gummiverkehr damit bestimmt nicht.

Dabei hatte ja schon 1996 Harald Gorr in seiner bahnbrechenden Dissertation „Die Logik der individuellen Verkehrsmittelwahl“ versucht, Licht in das Dunkel des Entscheidungsverhaltens im Personenverkehr zu bringen. Er näherte sich der Realität dabei mit der eingeschränkten Rationalität und den drei wesentlichen Eigenschaften Reisezeit, Reisekosten und Qualität. Mindestens bei einem der drei Kriterien muss ein Verkehrsmittel besser sein als die anderen, um überhaupt am Markt eine Chance zu haben.

Das Ergebnis der Arbeit ist auch aus heutiger Sicht wenig überraschend oder vielleicht doch. Denn das Auto nimmt gegenüber dem ÖPNV aus verschiedenen Gründen eine überragende Stellung ein. Dies beruht allerdings nicht auf möglichem „irrationalen“ oder unlogischem Verhalten, sondern ist begründet in der schon angesprochenen verzerrten, „schrägen“ Wahrnehmung. Die Reisekosten für ein Fahrzeug werden von den allermeisten (90 Prozent) drastisch unterschätzt (um bis zu 50 Prozent), ebenso wird die Reisezeit und Qualität „wohlwollend“, also autofreundlich, interpretiert. Die Hürden eines Umstiegs sind hoch und in Corona-Zeiten waren oder sind sie noch höher.

Falls die „Wahrnehmungsverschiebung“ letztendlich eine entscheidende Rolle spielt, sollte da doch eigentlich eine Aufklärungskampagne hilfreich sein, einfach zu realisieren in unserer vernetzten Welt. Aber da stoßen wir an ein anderes Wahrnehmungsdilemma, denn der Mensch ist ein Meister im Filtern von Informationen. Das macht das Gehirn sogar ganz von allein, denn wird das Kurzzeitgedächtnis überlastet (was schnell passiert bei allem, was auf uns hereinprasselt), so wird komprimiert und gelöscht. Das Ergebnis ist nur noch bedingt mit der Realität verknüpft. Früher hat man das als Blick durch die rosarote Brille bezeichnet (Buchtipp: „Rasende Liebe“ von Hardy Holte).

Im Grunde ist dann doch alles ganz einfach, denn die Zusammenhänge scheinen damit klar zu sein. Aber was hilft uns das? Im Grunde nicht viel, denn wenn man erkennt, dass man mehr nicht erreichen kann (obwohl man versteht, warum), ist das Ergebnis trotzdem unbefriedigend. Die Logik als Wissenschaft hat wie auch die schon erwähnte Quantenmechanik dies hinter sich gebracht und sich damit abgefunden. In der Logik war das der österreichisch-amerikanische Mathematiker, Philosoph und vor allem Logiker Kurt Friedrich Gödel. Den Inhalt seiner beiden Unvollständigkeitssätze einfach darzustellen, ist schwierig.

Im Ansatz sieht man bei dem letzten Satz schon das Problem mit „einfach“ und „schwierig“. Um es trotzdem zu versuchen, kann man im Sinne der Komprimierung schlicht sagen, dass es in formalen logischen Systemen unter bestimmten Voraussetzungen Aussagen gibt, von denen man weder zeigen kann, dass sie richtig noch dass sie falsch sind. Eigentlich die perfekte politische Strategie bei Entscheidungen im Verkehr, keiner kann dann einen Fehler nachweisen. Zum Beweis benutzte er eine Form der eigentlich witzigen „Antinomien“, also eine Art Widerspruch in sich selbst. „Ich spreche jetzt nicht die Wahrheit“ ist so ein Beispiel, auflösen kann man das Paradoxon nicht, es windet sich hin und her zwischen wahr und falsch. Aber wie schon gesagt, Logik ist so was wie Power-Yoga für das Gehirn.

Wenn wir uns aber die ganzen Trümmer im Verkehrssektor anschauen, fragen wir uns natürlich, welcher (rationalen) Logik dies zu verdanken ist. Glücklicherweise gibt es auch darauf eine schlüssige (wenn auch wieder unbefriedigende) Antwort. Dies liefert das schon zum Kult gewordene (nicht Querdenker!) Buch „Die Logik des Misslingens“ von Dietrich Dörner. Denkt man gemeinhin, Fehler passieren meist zufällig, so ist die Erkenntnis, dass in komplexen Situationen mit wenig Informationen und Zeit das strategische Denken einen trichterförmig in ein schwarzes Misslingens-Loch hinunterzieht. Und am Ende melden sich dann ob der Schmach die Klügsten der Klugen: „War doch logisch!“.

 

AUTOR

PROFESSOR DR. MICHAEL SCHRECKENBERG, geboren 1956 in Düsseldorf, studierte Theoretische Physik an der Universität zu Köln, an der er 1985 in Statistischer Physik promovierte. 1994 wechselte er zur Universität Duisburg-Essen, wo er 1997 die erste deutsche Professur für Physik von Transport und Verkehr erhielt. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er an der Modellierung, Simulation und Optimierung von Transportsystemen in großen Netzwerken, besonders im Straßenverkehr, und dem Einfluss von menschlichem Verhalten darauf. 

Seine aktuellen Aktivitäten umfassen Onlineverkehrsprognosen für das Autobahnnetzwerk von Nordrhein-Westfalen, die Reaktion von Autofahrern auf Verkehrsinformationen und die Analyse von Menschenmengen bei Evakuierungen.