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Flottenmanagement: Die Elektrifizierung von Flotten nimmt immer mehr an Fahrt auf. Wie stellt sich die Entwicklung im Bereich Elektromobilität aus Sicht eines weltweit führenden Telematikanbieters dar? Welche Länder beziehungsweise Regionen sind in diesem Bereich führend?

Klaus Böckers: Die Elektrifizierung von Flotten ist ein sehr spannendes und vielschichtiges Thema, da es hierbei nicht nur um die Technologie geht, sondern gleichermaßen um Digitalisierung, Kultur und Umweltschutz. Grundlegend geht es aber auch darum, die Flotten effizienter und kostensparender zu managen – Stichwort: Total Cost of Ownership (TCO). Wir sehen, dass hier etwas passiert: Ladeinfrastruktur sowohl privat, gewerblich als auch öffentlich wächst, Anreize in Form von beispielsweise Parkplatzvorteilen in Innenstädten nehmen zu. In absoluten Zahlen und bezogen auf die Wachstumsraten ist die Europäische Union auf Platz eins bei den E-Fahrzeug-Neuzulassungen und nicht wie oft angenommen China oder die USA. Deutschland hat beispielsweise in absoluten Zahlen mehr Elektrofahrzeuge zugelassen als die USA und das obwohl die USA eine deutlich höhere Einwohnerzahl sowie ein Vielfaches des Wirtschaftsvolumens haben. Daneben sehen wir aber auch Länder wie die Niederlande oder Norwegen, wo quasi jedes zweite neu zugelassene Fahrzeug elektrisch angetrieben wird. Solche und weitere Entwicklungen in Europa haben uns dazu veranlasst, den Fokus verstärkt auf die technische Entwicklung im Bereich Elektromobilität zu legen. Apropos technische Entwicklung: Hier unterscheiden sich die Telematiklösungen für Elektrofahrzeuge deutlich von denen für Modelle mit Verbrennungsmotoren, da weniger standardisiert ist – seien es nun Protokolle oder auch Schnittstellen. Dennoch kann Geotab mittlerweile bei über 150 E-Modellen die wichtigsten Datenpunkte wie den Energieverbrauch auslesen und liegt damit deutlich über dem Wettbewerb.

Flottenmanagement: Ende Januar hat die Biden-Administration angekündigt, die Flotten der US-Regierung auf elektrisch angetriebene Fahrzeuge umstellen zu wollen. Wie sieht die Situation in anderen Regierungen, insbesondere in Deutschland und Europa, aus?

Klaus Böckers: Der Regierungsfuhrpark in Deutschland umfasst rund 24.000 Fahrzeuge, lediglich 400 davon sind nach heutigem Stand elektrisch. Der Plan der Biden-Administration beschränkt sich aber nicht auf die bloße Umstellung auf elektrische Fahrzeuge, sondern es wird auch gezielt der Ausbau der Ladeinfrastruktur sowie die Herstellung von Elektrofahrzeugen in den gesamten Vereinigten Staaten gefördert. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich auch in Europa, wo 20 EU-Länder klare Ziele haben im Bereich Elektromobilität. Jedoch, ähnlich wie in den USA, schreitet die Umsetzung nur zögerlich voran. Im Vergleich sind Schweden und die Niederlande am weitesten, wenn es um die Umsetzung des Ziels geht, den Verkehr umweltfreundlicher gestalten zu wollen. Es gibt auch einzelne Pilotprojekte: Zum Beispiel hat Geotab in Madrid im Rahmen des europäischen Forschungsprojekts CIVITAS ECCENTRIC dabei unterstützt, die Maßnahmen zur Verbesserung der nachhaltigen, elektrischen Mobilität in der städtischen Güterverkehrslogistik zu testen. Dank des Einsatzes einer zu 100 Prozent elektrisch betriebenen Flotte hat die Stadtverwaltung von Madrid ihre CO2-Emissionen um 60 Prozent reduziert, was fast einer Tonne pro Monat entspricht. Aber auch in Deutschland werden verschiedene Maßnahmen angestoßen, wie beispielsweise die Digitalisierung oder klimafreundlichere Gestaltung des Verkehrs.

Flottenmanagement: Warum eignen sich Elektroautos insbesondere für Regierungsflotten? Welche Vorteile dieses Antriebstyps gelten für die typische Fahrzeugnutzung in diesen Fuhrparks? Welche Herausforderungen gibt es in diesem Bereich aber auch zu bewältigen?

Klaus Böckers: Grundsätzlich ist ein Elektroauto zunächst einmal relativ wartungsarm. Das ist ein wesentlicher Faktor, insbesondere wenn es um Flotten geht, deren Fahrzeuge nicht fest Mitarbeitern zugeordnet sind – klassische Poolund Carsharing-Fahrzeuge. In diesen Flotten ist dann gleichzeitig auch ein Trend zur Smart Mobility zu erkennen, sprich der effizienten Ausnutzung der Fahrzeugflotten. Gleichwohl ist der Umweltaspekt für viele Unternehmen von hoher Bedeutung. Denn auch wenn Gegenargumente in Bezug auf die Herstellung der Akkus oder die Stromerzeugung immer wieder angeführt werden, leisten Elektrofahrzeuge einen entscheidenden Beitrag dazu, Emissionen und die Feinstaubbelastung in Ballungsräumen zu vermindern. Nicht zuletzt kann man die Total Cost of Ownership anführen: In Geotab-Studien zur TCO zeigte sich, dass E-Fahrzeuge günstiger zu unterhalten sind als klassische Verbrenner. Beispielsweise besteht der Motor selbst aus viel weniger Teilen als ein Verbrennungsmotor. Das senkt den Aufwand und die Kosten für die Wartung.

Die Herausforderungen, die mit der Umstellung auf Elektromobilität einhergehen, sind darüber hinaus ebenso vielschichtig wie das Thema an sich. Daher unterteilen wir das Thema in drei Phasen: Go Electric, Operate Electric sowie Scale Up Electric. Bei Go Electric analysieren wir mit unserem Tool „Electric Vehicle Suitability Assessment“ (kurz: EVSA) zunächst einmal das Nutzerverhalten der bestehenden Flotte und leiten Empfehlungen ab, welche Fahrzeuge mit E-Modellen ersetzt werden können. Bei Operate Electric geht es um die optimale Nutzung der Fahrzeuge, sprich darum, ob die Fahrzeuge morgens geladen sind, um die Routenplanung sowie die Auslastung der Flotte. Hier können wir Flottenverantwortlichen mit Dashboards, Reports und weiteren Analysen unter die Arme greifen.

Die dritte Phase ist Scale Up Electric: Da nur in seltenen Fällen der gesamte Fuhrpark in einem Schritt von Fahrzeugen mit Verbrennern auf E-Fahrzeuge umgestellt wird, kommen mit der Erweiterung der E-Fahrzeugflotte neue Herausforderungen auf die Fuhrparkverantwortlichen zu: Wie viele Fahrzeuge können gleichzeitig elektrisch geladen werden? Wie viele Ladepunkte werden benötigt? Wie kann ich ein effizientes und smartes Lastmanagement realisieren? Das wird häufig unterschätzt, ist aber essenziell.

Flottenmanagement: Auch wenn die Reichweite der Elektroautos in den letzten Jahren zugenommen hat, ist sie noch immer eines der Hauptargumente für den Verbleib von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor in den Flotten. Welche Branchen und Fuhrparkstrukturen eignen sich Ihrer Meinung nach besonders für die Umstellung auf Elektrofahrzeuge? Welche Entwicklungen erwarten Sie in den kommenden Jahren?

Klaus Böckers: Die Leistungsdaten und auch die Auswahl an Elektrofahrzeugen nehmen seit einigen Jahren stetig zu; bei sinkenden Anschaffungskosten. Damit eröffnen sich gleichzeitig weitere Nutzungsmöglichkeiten für E-Fahrzeuge. Grundsätzlich kann ein elektrisch angetriebenes Fahrzeug heute schon in bestimmten Segmenten mit vielen Start-Stopp-Situationen kosteneffizient betrieben werden. Vor allem im innerstädtischen Verkehr, wie beispielsweise bei Post, Lieferdiensten beziehungsweise Last Mile Delivery, oder auch im öffentlichen Nahverkehr, wie unter anderem bei Schulbussen. Um hier einmal die Vorteile zu verdeutlichen: Mit einem unserer Kunden aus dem Bereich Last Mile Delivery, der über 50.000 Fahrzeuge in seiner Flotte hat, haben wir das Leerlaufverhalten bei Dieselmaschinen analysiert. Allein durch das Ausschalten des Motors am nächsten Lieferpunkt ließen sich in einem Jahr Millionen von Liter Diesel einsparen. Damit einher geht auch die Reduktion von Emissionen direkt vor der Haustür. Beides entfällt bei E-Fahrzeugen komplett. Gleichermaßen eignen sich Elektromodelle, wenn Nutzern möglichst einfach ein Fahrzeug zur Verfügung gestellt werden soll, sprich bei innerstädtischem Carsharing oder Poolfahrzeugen. Dabei ist vor allem die Wartungsarmut von Vorteil.

Auch die Fahrzeugnutzung im klassischen Gehaltsumwandlungsmodell beziehungsweise als Motivationsinstrument ist perfekt für Elektrofahrzeuge geeignet – bei kurzen Pendelfahrten und längeren Stopps. Hinzu kommen staatliche Förderprämien sowie vielfach auch Anreize seitens der Unternehmen für Elektrofahrzeuge, wie kostenloses Laden am Firmenstandort et cetera. Die Herausforderung liegt dann oftmals darin, diese Fahrzeuge optimal zu managen. Solchen Nutzungsszenarien steht alles, was mit Fernverkehr zu tun hat, gegenüber. Meiner Meinung nach wird es noch lange dauern, bis Elektrofahrzeuge hier effizient zum Einsatz kommen können.

Flottenmanagement: Die Umstellung eines Fuhrparks auf Elektromobilität ist zuweilen ein langjähriger Prozess. Welche Herausforderungen gibt es hierbei zu bewältigen? Was ändert sich aber auch im Betrieb einer E-Flotte für den Fuhrparkverantwortlichen? Und wie kann Geotab mit seinem Know-how hier unterstützen?

Klaus Böckers: Grundsätzlich muss man einmal festhalten, dass viele Unternehmen mit Flotten nicht in der digitalen Welt zu Hause sind und die Kernkompetenz des Unternehmens oftmals in einem anderen Bereich liegt. Eine Elektrofahrzeugflotte zu managen heißt jedoch vor allem, Daten richtig zu lesen und zu nutzen. Denn auf der einen Seite muss das E-Fahrzeug in der Lage sein, die Aufgaben – also den jeweiligen Transport – zu bewältigen, was sich nur über Daten beurteilen lässt. Auf der anderen Seite müssen diese Daten auch sinnvoll verarbeitet werden, um wiederum eine Flotte optimal zu managen. Telematik-Tools und Technologie können dabei helfen. Das sind natürlich Kernkompetenzen von Geotab: Wir haben schon vor über sieben Jahren angefangen, ein Big Data Department aufzubauen, in dem Big Data Analytics, künstliche Intelligenz und Machine Learning genutzt werden, um die Vielzahl von Daten nicht nur lesen, sondern auch nutzen zu können. Mittlerweile lesen und verarbeiten wir Daten von über 150 E-Modellen und stellen somit ein effizientes Flottenmanagement sicher. Und hier sehen wir auch eine weitere Kompetenz von Geotab: Sogenannte Mixed Fleets, also Flotten mit mehreren Fahrzeugtypen, Antrieben und Herstellern, können wir komplett bedienen.

Daneben gibt es die Herausforderungen, die sich bei der Etablierung, dem operativen Management und der Vergrößerung einer E-Fahrzeugflotte ergeben. In diesen drei Phasen können wir Flottenverantwortliche wie zuvor beschrieben mit unserem Know-how unterstützen. Unterm Strich lässt sich festhalten, dass Elektromobilität nicht nur als Anschaffung einer E-Fahrzeugflotte sowie Ladeinfrastruktur verstanden werden darf. Es geht im Grunde darum, dieses technische Set-up mithilfe von Daten effizient zu managen, und das ist in meinen Augen ein Punkt, der oft von Fuhrparkverantwortlichen unterschätzt wird.