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Flottenmanagement: Der Name carValoo wird noch nicht jedem etwas sagen. Können Sie vielleicht kurz beschreiben, was sich hinter carValoo verbirgt? 

Jakob Otting: carValoo ist ein digitales Startup bei thyssenkrupp. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, Flotten- und Fuhrparkbetreibern maximale Transparenz bezüglich des Zustandes ihrer Fahrzeuge in Echtzeit zu bieten. Wir nutzen dafür Beschleunigungsdaten von Fahrzeugen, auf deren Basis wir mithilfe eigens entwickelter Algorithmen Schäden und andere betriebsrelevante Ereignisse erkennen, auswerten und in Echtzeit melden. Unser Service richtet sich an alle Firmen, die Flotten anbieten oder betreiben und bei denen der Zustand der Fahrzeuge von Bedeutung ist. Dazu zählen die Bereiche Mietwagen, Carsharing, Leasing, ÖPNV oder auch die Warenzustellung. Verstärktes Interesse kommt auch aus den klassischen Firmenfuhrparks und von OEMs. Als eigenständiges Unternehmen innerhalb der Automobilsparte von thyssenkrupp sind Fahrdynamik und Fahrzeugsysteme und -komponenten tief in unserer DNA verankert. 

Flottenmanagement: Welche Vorteile bietet carValoo Flottenbetreibern und auch Flottenverantwortlichen? Welche Nutzungsszenarien lassen sich hieraus ableiten?

Dr. Tom Althoff: Mit unserer Lösung gehen wir gezielt zwei zentrale Herausforderungen an: Auf der einen Seite gibt es die mangelnde Transparenz bezüglich Schäden, Missbrauch und Abnutzung. Oft kenne ich als Fahrzeuggeber zwar Namen und Anschrift des Fahrzeugnutzers, weiß aber nicht, wie er mein Fahrzeug behandelt und ob er Schäden auch wie vereinbart meldet. Schäden und andere betriebsrelevante Ereignisse lassen sich mit unserer Technologie sehr zuverlässig „ereignisbezogen“ nachvollziehen und einer Miete oder Tour zuordnen. So können zum Beispiel die in den AGB vereinbarten Selbstbeteiligungen geltend gemacht werden. Ereignisbezogen bedeutet, dass wir uns wirklich nur den schadenrelevanten Zeitraum anschauen und der Rest der Fahrstrecke bereits vor der Datenübertragung herausgefiltert wird. Auf der anderen Seite steht der hohe manuelle und finanzielle Aufwand, der mit regelmäßigen Sichtkontrollen und nicht gemeldeten Schäden einhergeht. Über 90 Prozent der Mieten, Fahrten und Touren enden ohne Schäden. Trotzdem werden heute in der Praxis meistens zwei Extreme praktiziert: Es werden, wie bei Mietwagen, 100 Prozent der Fahrzeuge begutachtet, was unnötig hohe Aufwände mit sich bringt. Oder es werden, wie im Carsharing oder auch bei Firmenflotten, gar keine Regelkontrollen gemacht, sodass kleine und mittlere Schäden erst bei der Ausflottung auffallen und dann für hohe Reparaturkosten und niedrigere Restwerte sorgen. Da wir auch diese kleineren und mittleren Schäden erkennen und melden, decken wir mit unserer Lösung den maximalen Anteil der Schäden mit minimalem Kontrollaufwand ab und sorgen somit für signifikante Einsparungen. 

Flottenmanagement: carValoo möchte mit einer automatisierten und vollständig digitalisierten Schadenerkennung überzeugen. Welche Bedeutung kommt dem Thema künstliche Intelligenz (KI) in diesem Zusammenhang zu? Wo steht die Automobilindustrie aus Ihrer Sicht in puncto künstliche Intelligenz und welche Entwicklung zeichnet sich bereits ab?

Jakob Otting: Künstliche Intelligenz klingt natürlich spektakulär und ist gerade in aller Munde. Wir sehen unseren Ansatz aber eher pragmatisch. Wir nutzen künstliche Intelligenz, um in den vielen, sehr komplexen Daten, die ein Fahrzeug im täglichen Gebrauch erzeugt, Muster und Auffälligkeiten zu erkennen und diese dann in Echtzeit bestimmten Ereignissen zuzuordnen. Das Schließen einer Tür im Stand erzeugt dabei ebenso Beschleunigungsdaten wie ein Schlagloch, ein Parkrempler oder ein Streifschaden während der Fahrt. Die Kunst besteht darin, dass die KI erkennt, wann ein Ereignis wie ein Parkrempler wirklich zu einem Schaden an einem bestimmten Bauteil geführt hat, und diesen auch meldet. Andersherum muss die KI auch erkennen, dass nur eine Tür geschlossen wurde oder ein Schlagloch durchfahren wurde, was keine Schadenmeldung auslösen würde. Darauf trainieren wir unsere KI-Algorithmen seit drei Jahren im Kundenbetrieb – mittlerweile über Millionen von Kilometern. So erkennen wir heute zuverlässig selbst kleine Schäden und verorten sie am Fahrzeug. Diese Präzision ist unser wichtigstes Alleinstellungsmerkmal. 

Nico Schön: Die Automobilindustrie befindet sich in einem starken Umbruch. Hersteller digitalisieren ihre Fahrzeuge zunehmend und vernetzen sie mit der Cloud. Allerdings fehlt es hier nach wie vor an überzeugenden Angeboten für Flottenkunden. Diese Kluft zwischen Kundenbedarf und Möglichkeiten der OEMs schließen wir als carValoo, indem wir dem Kunden hochspezialisierte, digitale Lösungen bieten. Somit verbinden wir klassisches Automotive Engineering mit den neuen Zweigen der Big-Data-Technologie und künstlichen Intelligenz. Auch wir befinden uns in Gesprächen mit OEMs, um eben diese Potenziale in Zukunft gemeinsam auszuschöpfen. 

Flottenmanagement: Die Vision von carValoo ist die digitale Fahrzeugakte. Welche Daten werden durch die Telematikeinheit von carValoo selbst erfasst? Welche Voraussetzung muss aber auch das Fahrzeug für den Einsatz erfüllen? Gibt es hier Einschränkungen bezüglich bestimmter Fahrzeugsegmente?

Jakob Otting: Die digitale Fahrzeugakte, wie sie häufig angeboten wird, besteht meistens aus nachträglich erfassten, digitalisierten Belegen wie Reparatur- und Wartungsbelegen, Kilometerständen, Besitzerwechseln et cetera. Also nur Daten, die objektiv erfasst werden, aber an sich gar nichts über den tatsächlichen Zustand und die Belastungssituation der Bauteile aussagen. Unser Ansatz ist ein anderer. Wir erkennen und registrieren Ereignisse, die bei der Fahrt tatsächlich auf das Fahrzeug eingewirkt haben, und treffen eine Aussage darüber, wie stark das Fahrzeug und seine Bauteile belastet wurden. Wie oft bin ich zum Beispiel sehr schnell durch Schlaglöcher oder gegen Bürgersteige gefahren und wie wahrscheinlich ist es, dass bald die Achse und die Stoßfänger außerhalb der Regelintervalle kontrolliert werden sollten? Diese Informationen generieren wir und leiten daraus Handlungsempfehlungen ab. Schlussfolgernd lassen sich dadurch auch Vorteile in der Weitervermarktung von Fahrzeugen erzeugen. Wurde ein Fahrzeug durchgängig gut behandelt, lässt sich dies anhand unseres digitalen Berichts belegen und ein höherer Wiederverkaufswert erzielen – zusätzlich zum digitalen Scheckheft.

Nico Schön: Für die Schadenerkennung selbst brauchen wir dabei nur Beschleunigungsdaten. Zur Ermittlung von Ereignisort und Ereignishergang nutzen wir GPS-Daten. Dafür haben wir unsere eigene universelle carValoo Box, die sich in jedem Fahrzeug innerhalb weniger Minuten installieren lässt. Die Box wird dabei fest im Motorraum verbaut und lediglich an die 12-Volt-Batterie angeschlossen. Wollen wir dem Kunden darüber hinaus vorausschauend Wartungsinformationen wie Servicemeldungen, Tankfüllstand, Reifendruck, Schließzustand et cetera zur Verfügung stellen, so verfügen wir auch über eine OBD-II-Lösung, die wir gemeinsam mit unserem Partner globalmatix anbieten. Einschränkungen gibt es bis jetzt keine. Vom Pkw über Transporter bis zum Lkw mit Auflieger lässt sich jedes Fahrzeug ausstatten. Wird mal ein Fahrzeug ausgeflottet, ist unsere Hardware rückstandslos entfernbar. 

Flottenmanagement: Könnten Sie in einem kurzen typischen Szenario die Anwendung von carValoo beginnend vom Einbau der Box über die Nutzung der Plattform bis hin zu den Möglichkeiten der Kontrolle über die Kunden-App beschreiben?

Nico Schön: Zunächst definieren wir mit unserem Kunden die Art und Anzahl der auszustattenden Fahrzeuge, die genauen Anforderungen an den Service und somit auch die bevorzugte Hardware. Es ist auch durchaus möglich, die Lösung in bestehende Hardware zu integrieren. Dann müsste gar keine zusätzliche Box mehr eingebaut werden. Nutzen wir unsere carValoo Box, schulen wir zunächst unseren Kunden im Einbau. Dafür statten wir typischerweise 10 bis 20 Fahrzeuge gemeinsam beim Kunden aus. Der Kunde erhält von uns eine Einbauanleitung, sodass die restlichen Fahrzeuge flexibel durch den Kunden selbst ausgestattet werden können. Der Einbau dauert wenige Minuten. Sobald die Box an die Fahrzeugbatterie angeschlossen ist, ist der Service aktiv: eine ganz einfache Plug-and-play- Lösung. Parallel bekommt der Kunde Zugang zu unserer WebApp, in der er den Status seiner Fahrzeuge und die Schadenmeldungen stets im Blick hat. Feedback zum Schaden kann in Form von Fotos oder Dokumenten direkt hochgeladen werden. Wir senden unsere Schadenmeldungen auch direkt und strukturiert per Schnittstelle, damit im System des Kunden die notwendigen Folgeschritte wie Inspektionen oder Forderungsprozesse automatisch gestartet werden können. Auch E-Mail- und SMS-Benachrichtigungen werden meist zusätzlich genutzt. Natürlich tauschen wir uns auch regelmäßig mit unseren Kunden zu den Schadenmeldungen aus. Das Feedback ist für uns besonders wichtig, da es uns hilft, unsere Technologie stetig zu verbessern. Alle Informationen können zum Beispiel über unseren Partner TÜV Rheinland automatisiert in eine professionelle digitale Schadenbewertung einfließen. 

Flottenmanagement: carValoo wurde mit dem Red Dot Design Award 2020 ausgezeichnet. Was zeichnete carValoo in diesem renommierten internationalen Designwettbewerb besonders aus? Welche Bedeutung hat dieser Award für Sie? 

Jakob Otting: Den Award haben wir für unsere WebApp erhalten. Wir sind darauf sehr stolz, weil er uns in unserem Ansatz bestätigt, komplexe Informationen einfach, intuitiv und für den Kunden gewinnbringend darzustellen. Hinzu kommt die gestalterische Leistung, das eigentlich negativ konnotierte Schadenereignis in ein für den Nutzer ansprechendes Design zu bringen und ein positives Arbeitserlebnis zu schaffen. Das ist uns gelungen, weil wir den Kunden von Anfang an in den Entwicklungsprozess mit eingebunden haben.