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Flottenmanagement: Seit mehr als 150 Jahren steht der Name Goodyear untrennbar in Verbindung mit der Vulkanisation und der modernen Gummiindustrie. Welche aktuellen Themen bedingen Ihrer Meinung nach einen tiefgreifenden Wandel in der Mobilität? Dr. 

André Weisz: Rund 60 Jahre nach der Entdeckung des Vulkanisationsprozesses durch Charles Goodyear entstand das Unternehmen Goodyear – genauer gesagt 1898. Das heißt, wir blicken bereits auf eine lange Historie zurück. Gerade in den letzten Jahren vernehmen wir zwei grundsätzliche Veränderungen, die einerseits durch technische Innovation wie das Internet der Dinge, künstliche Intelligenz, neue Geräte und Funktionen und andererseits durch ein sich änderndes Verbraucherverhalten getrieben werden. Dies führt dazu, dass sich zurzeit ein neues mobiles Ökosystem bildet, das sich wesentlich von dem alten Mobilitätsbegriff unterscheidet. Bei Goodyear machen wir dabei vier zentrale Themen aus – Flotten, autonome Fahrzeuge, Konnektivität und Elektromobilität. Die Anfangsbuchstaben der englischen Begriffe ergeben dabei das Akronym „FACE“.

Flottenmanagement: Mit „FACE“ für Fleet, Autonomous, Connected, Electric fasst Goodyear also die vier zentralen Themen, die den mobilen Wandel vorantreiben, zusammen. Wie unterscheiden sich diese Themen untereinander und von ihren Anforderungen an Reifenprodukte? 

Dr. André Weisz: Lassen Sie mich das Punkt für Punkt erklären. Flotten zum Beispiel werden unserer Meinung nach zukünftig mehr Bedeutung gewinnen; die Zahl der Flotten wird weiter steigen. Schauen wir uns beispielsweise Carsharing-Flotten im Detail an, dann sehen wir, dass die Reifen sehr unterschiedlich belastet sind. Dies liegt einerseits an den verschiedenen Fahrzeugen, andererseits an den verschiedenen Fahrstilen. Flottenfahrzeuge werden meist anders behandelt als Privatfahrzeuge, das kann man auch an den Reifen ablesen. Deshalb wird die proaktive Wartung immer wichtiger: Anders als ein leerer Tank sind sich anbahnende technische Probleme oder abgefahrene Pneus für den Carsharing-Nutzer nur schwer auszumachen. Somit muss, bevor es zu einer Panne kommt, sichergestellt werden, dass das Fahrzeug sicher und einwandfrei funktioniert. Was natürlich durch immer intelligentere Pneus sowie andere Fahrzeugdiagnosesysteme auch aus der Ferne möglich ist. Gleichermaßen spielt auch die Effizienz bei Flotten eine wichtige Rolle: Denn die operativen beziehungsweise laufenden Kosten, die sich aus dem Leistungsvermögen eines Reifens ergeben, müssen möglichst auf einem niedrigen Niveau gehalten werden; ohne Abstriche bei Komfort, Kraftstoffverbrauch und Sicherheit.

Beim autonomen Fahren kommt dem Reifen eine entscheidende Rolle zu: Anders als bei Fahrten, die von Menschen durchgeführt werden, muss das autonome Fahrzeug selbstständig alle wichtigen Kenngrößen über die Beschaffenheit der Fahrbahn, Fahrzeugbelastungen sowie Witterungsbedingungen erfassen und die „Fahrweise“ darauf abstimmen. Die Informationen zu den Kenngrößen kommen neben den Fahrzeugsensoren auch von den Reifen, die als einzige physische Verbindung stark zu Fahrleistung und Sicherheit beitragen. Gleichzeitig muss das autonome oder teilautonome Fahrzeug auch in der Lage sein, diese Daten zu erfassen, sie zu verarbeiten und daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Das bringt mich dann auch zu dem Thema Konnektivität: Wie schon zuvor erwähnt, werden Reifen künftig mehr und mehr mit Sensoren ausgestattet. Dabei kommt es darauf an, mit diesen Daten zu arbeiten und entsprechende Schlussfolgerungen abzuleiten, sei es in Form von Anpassungen des „Fahrstils“ autonomer Fahrzeuge oder in Form von prädiktiven Analysen bei Flotten.

Etwas losgelöst zu betrachten ist hingegen das Thema Elektromobilität. Die Reifen unterliegen dabei besonderen Anforderungen. Durch das hohe und gleich anliegende Drehmoment sowie durch das höhere Fahrzeuggewicht wird ein Pneu viel stärker belastet. Gleichzeitig muss er aber einen geringen Rollwiderstand generieren, um die elektrische Reichweite nicht negativ zu beeinflussen. Hinzu kommt, dass durch das fehlende Motorengeräusch die Geräuschentwicklung des Reifens entscheidend ist. In Summe führt das zu deutlich geänderten Anforderungen, auf die Reifenhersteller explizit eingehen müssen. 

Flottenmanagement: Seit jeher besteht in der Reifenentwicklung eine Vielzahl von Zielkonflikten; der wohl bekannteste zwischen Abrieb, Nasshaftung und Rollwiderstand. Welche Auswirkung hat das Bestreben nach intelligenten Reifen, Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit auf die bereits bestehenden Zielkonflikte? Führt dies zu immer spezifischeren Reifenprodukten?

Dr. André Weisz: Ein moderner Reifen ist ein komplexes Zusammenspiel einer Vielzahl von Elementen, die untereinander stark interagieren. Verschleiß, Nasshaftung und Rollwiderstand müssen dabei bestmöglich ausbalanciert werden. Die Herausforderung liegt darin, dass die Verbesserung eines Performance-Kriteriums die Verschlechterung eines anderen Kriteriums nach sich zieht. Zum Beispiel bewirkt ein verbesserter Rollwiderstand eine schlechtere Nasshaftung. Mit unserem Reifen EfficientGrip Performance 2, der 2020 auf den Markt kam, haben wir diesbezüglich einen technologischen Sprung geschafft: Hier wurde die Laufleistung um 50 Prozent gegenüber dem Vorgänger erhöht und gleichzeitig haben wir auch die Bremsperformance sowie den Rollwiderstand optimiert. 

Flottenmanagement: Während ein Fahrzeugleben heute mehrere Jahrzehnte dauern kann, empfehlen Experten einen Reifenaustausch nach sechs, aber spätestens zehn Jahren. Wie schätzen Sie daher das Potenzial von Pneus als Innovationstreiber ein, um neue Technologien für Fahrzeuge jedes Alters verfügbar zu machen? 

Dr. André Weisz: Grundsätzlich gilt: Haben Sie einen guten Reifen, haben Sie auch Vorteile bei einem älteren Fahrzeug. Diese liegen unter anderem im Bereich der Kernelemente Sicherheit und Effizienz. Zudem können Sie beispielsweise ein Reifendruckkontrollsystem (RDKS) nachträglich einbauen. Prinzipiell entwickeln wir unsere innovativen Reifen jedoch meist gemeinsam mit den Fahrzeugherstellern, damit Fahrzeug und Reifen perfekt miteinander harmonieren.

Flottenmanagement: Mit Blick auf den Flottenbereich: Können Sie vielleicht ein paar Beispiele nennen, welche funktionalen Lösungen heute schon angeboten werden können oder sich derzeit in Praxistests beziehungsweise Feldversuchen befinden? Dr. 

André Weisz: Damit wir unsere Produkte und Lösungen kontinuierlich weiterentwickeln können, sind in Europa und den USA Testflotten für uns unterwegs. So wurde beispielsweise Redspher – eine europaweit tätige On-Demand- Transport-Unternehmensgruppe – von uns mit intelligenten Reifen ausgestattet. Sie ermöglichen es uns, den Reifenverschleiß und den Luftdruck über eine lange Zeit zu verfolgen. Gleichzeitig kann aber auch Redspher den Reifenzustand beobachten. Das hat den Vorteil, dass die Fahrzeuge nicht das Depot für eine „Sichtkontrolle“ ansteuern müssen und somit ausschließlich für den Transport genutzt werden können. In den USA haben wir hingegen mit TuSimple, einer Flotte autonomer Trucks, ein Pilotprojekt gestartet, um Informationen zu den Möglichkeiten einer prädiktiven Wartung sowie der Haltbarkeit und dem CO2-Fußabdruck dieser autonomen Trucks zu gewinnen. So können wir die Unterschiede zwischen autonomen und menschengesteuerten Fahrzeugen identifizieren und deren Bedeutung für die Reifen analysieren. Nicht zuletzt haben wir in Europa zu Beginn der COVID-19-Pandemie ein neues Dienstleistungsangebot innerhalb von Proactive Solutions für Lkw-Flotten namens FastAction implementiert. Hierbei erhält der Flottenmanager nicht nur wie üblich Warnhinweise, dass etwas mit den Reifen nicht in Ordnung ist, sondern wir analysieren auf Grundlage der Daten, woher das Problem rührt, und geben dem Flottenmanager konkrete Handlungsempfehlungen. Auf Wunsch wird das Problem von unseren Partnern und mithilfe unseres Netzwerks auch gleich gelöst. Damit stellen wir dem Flottenentscheider einerseits einen fundierten Lösungsvorschlag auf Grundlage der Goodyear-Intelligenz, so würde ich den Erfahrungsschatz aus Millionen von gefahrenen Kilometern einmal bezeichnen, zur Seite und entlasten ihn damit und andererseits unterstützen wir durch unsere 24/7-Verfügbarkeit auch den Fahrer in dem Augenblick, wo er diese benötigt. Nicht zuletzt können wir dadurch aber auch die Zeit, die das Fahrzeug ohne unnötige Kontrollen auf der Straße ist, maximieren.