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„New Mobility“, wie unser Special in dieser Ausgabe heißt, befasst sich nicht nur mit neuen Mobilitätsformen, sondern nimmt auch die unterschiedlichen Antriebsarten sowie deren Infrastruktur unter die Lupe. Bereits bei der Einführung von Autogas- beziehungsweise Erdgasfahrzeugen stellte sich die Frage, wo der entsprechende Kraftstoff bezogen werden kann. Der Durchbruch einer neuen Antriebstechnologie ist daher immer an die Verfügbarkeit einer entsprechenden Infrastruktur gekoppelt. Dies zeigt sich insbesondere bei elektrisch angetriebenen Fahrzeugen, ganz gleich, ob es sich dabei um batterieelektrische oder mit einer Brennstoffzelle ausgerüstete Modelle handelt. So erklärten sich Fahrzeughersteller vor ein paar Jahren noch das Zögern der Kunden beim Thema Elektromobilität damit, dass eine entsprechend ausgebaute Ladeinfrastruktur fehlte. Auch heute sind noch Vorbehalte gegenüber dieser Antriebsform vorhanden, wenngleich die durchschnittliche Länge der Arbeitswege laut der Auswertung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) 2018 bei gerade einmal 17 Kilometern lag. Auch die besonders langen Wege zu Arbeitsmarktzentren aus den dünn besiedelten Gegenden abseits der Ballungsräume, wie sie beispielsweise in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt zu finden sind, betragen im Durchschnitt nur etwas mehr als 30 Kilometer. Beide Streckenprofile stellen nahezu keine Herausforderung für moderne Elektrofahrzeuge dar, die in der Regel mit einer Ladung mehrere Hundert Kilometer schaffen. Gleichzeitig steigt die Zahl der öffentlichen Ladesäulen kontinuierlich. 

Bei der Energieversorgung von Elektroautos haben allerdings nicht mehr wie beim Verbrenner-Pkw die Tankstellen und die Mineralölkonzerne die Nase vorn. Dezentrale Energieversorgung, da wo das Fahrzeug parkt, also in der Stadt, auf der Arbeit oder zu Hause, ist hier wohl die Zukunft. Doch deswegen haben die Tankkartenanbieter längst noch nicht ausgedient. Im Gegenteil, die Elektromobilität ist auch für die Anbieter von Multi-Energiekarten oder Hybridtankkarten ein Gewinn: „Neben der Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern bauen wir auch ein Shell-eigenes Netz mit Schnellladesäulen an unseren Stationen auf. Kunden an Shell Recharge Ladesäulen dürfen sich auf sehr schnelles Laden ihrer Elektrofahrzeuge mit 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien freuen. Wir sind überzeugt, dass die Bedeutung der Elektromobilität im Pkw-Sektor zunehmen wird und mit steigenden E-Auto-Zulassungen wird auch die Nachfrage nach Schnellladepunkten steigen“, erklärt Rainer Klöpfer, Geschäftsführer der euroShell Deutschland GmbH & Co. KG.

Gerade auf der Langstrecke und bei Reisen wird die Tankstelle als Energielieferant auch für Elektrofahrzeuge nach wie vor interessant bleiben. Der Aufbau einer Schnellladeinfrastruktur ist beispielsweise über das Tankstellennetz vorstellbar. Jan Petersen, Direktor Mobilität und Neue Energien bei der TOTAL Deutschland GmbH, beschreibt daher: „Bis Ende 2022 wird die TOTAL Gruppe in Westeuropa an 300 Standorten rund 1.000 Ladepunkte mit sogenannten Ultraschnellladesäulen mit einer Leistungsfähigkeit von je bis zu 175 kW installieren. Auf Deutschland entfallen laut aktueller Planung knapp 70 Standorte mit rund 200 Ladepunkten. Wir sehen den Bedarf an ultraschnellem Laden derzeit vor allem entlang von Autobahnen. Für ein möglichst dichtes Netz werden wir alle 150 Kilometer HPC Säulen (High Power Charging) aufstellen.“

Natürlich hängt die Entwicklung des Tankstellen- und Tankkartengeschäfts auch stark davon ab, welcher alternative Antrieb sich letztlich flächendeckend durchsetzen wird: „In welchem Maße alternative Antriebe Tankstellen und Tankstellengeschäft verändern werden, ist für uns immer noch nicht abzusehen. Dies zeigen die vielfältigen Ansätze aus der Branche und auch externer Dritter, die sogenannte Tankstelle der Zukunft zu definieren. Prognosen sehen hier einen Mobilitätshub, der einerseits einen technischen Schnittpunkt unterschiedlicher Formen digital gemanagter Mobilität darstellt, andererseits aber auch einen realen Treffpunkt für Nutzer dieser modernen Mobilitätsalternativen, die auf ihrem Weg umsteigen, rasten und sich versorgen wollen. Das Bezahlen netzgebundener Medien (beispielsweise Strom) dürfte weitestgehend kontaktlos oder eben via App erfolgen. Allianzen, um zum Beispiel das Potenzial von eFuels besser zu nutzen, dürften auch das Angebot an mit Tankkarten zu beziehenden Produkten erweitern“, gibt Holger Mark, Vorstand der AVIA AG, zu verstehen.

Die angesprochene Tankstelle der Zukunft ergänzt somit das derzeit vorherrschende Tankstellenkonzept aus Tanken, Shop und Autowäsche um weitere Serviceleistungen. So schildert Romana Blume, Vertriebsleiterin Car & Van Deutschland bei Aral Fleet Solutions: „Die Mobilitäts- und Energiebedürfnisse sowie das CO2-Reduktionsverlangen der Kunden haben sich stark verändert, der Einfluss der Digitalisierung bestimmt immer stärker das Kundenverhalten. Diese Veränderungen begleiten wir durch ein angepasstes Angebot, das schon lange über den Bezug von Kraftstoffen oder Energie hinausgeht. Egal welcher Energiequelle sich ein Fuhrpark jetzt und in Zukunft bedienen wird, haben wir dies für Kunden gebündelt. Alles in bewährten Abrechnungsprozessen über eine Karte, eine Rechnung.“ Demnach könnte die Tankstelle der Zukunft zu einem Wechselplatz der Mobilität werden. Zugute kommt den rund 15.000 Tankstellen in Deutschland die verkehrsgünstige Lage, daher finden Mobilitätsdienstleister wie zum Beispiel Carsharing-Unternehmen dort ideale Bedingungen vor. Aral eröffnete erst im Oktober den ersten „Mobility Hub“ im Zentrum von Berlin. Die multifunktionale Station an der Holzmarktstraße soll als Testfeld für die sich verändernden Kundenbedürfnisse in puncto Mobilität dienen. Neben dem klassischen Kraftstoffangebot und einem „REWE To Go“- Shop will Aral mit der ersten Stufe eines sogenannten Microgrid aus Ladesäule und Batterie neue Maßstäbe bei den Ladeoptionen für Elektrofahrzeuge in Ballungszentren setzen. In Kooperation mit verschiedenen Sharing- und Mobilitätsanbietern, einem Akku-Wechselautomaten sowie der Anknüpfung an den ÖPNV wird die Aral Station außerdem zu einem Umsteigeplatz für verschiedene Verkehrsträger.

Das Aufkommen von alternativen Antriebsformen wird die Tankstelle der Zukunft verändern, genauso wie das Tankkartengeschäft. Hybridtankkarten bieten Flotten mit verschiedenen Pkw-Antrieben die Möglichkeit, flexibel auf die Anforderungen zu reagieren. Gerade in Zeiten der COVID-19-Pandemie trägt die Nutzung von Tankkarten auch dazu bei, den Infektionsschutz für Fahrer und Tankstellen- Mitarbeiter sicherzustellen. „Generell ist durch die Pandemie ein verstärktes Interesse an digitalen Abrechnungsverfahren, zum Beispiel per Smartphone und unter Vermeidung jeglichen Personenkontakts, festzustellen. Mit der geplanten Digitalisierung der Prozesse tragen wir dieser Nachfrage auch in unserem Geschäftsfeld Rechnung“, wie Carsten Bettermann, CEO der Union Tank Eckstein GmbH & Co. KG (UTA), abschließend zu verstehen gibt.