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Damit ist vordergründig nicht eine fast an Aschermittwoch erinnernde Art der „Maskenmüdigkeit“ gemeint, obwohl dies auch als eine ernst zu nehmende Angelegenheit anzusehen ist. Denn nicht umsonst titelte DER SPIEGEL in seiner Ausgabe 34/2020 vom 14.August 2020: „Das Masken-Drama – Sie ist nervig, verhasst und trotzdem unsere einzige Hoffnung“. Überall (f)liegen diese Aerosol-Absorber herum, eigentlich müsste man darauf Pfand erheben (selbst machen gilt dann natürlich nicht mehr), damit ließe sich ja dann schon das eine oder andere finanzielle Virus-Loch stopfen. Aber wie entsorgt man Masken jetzt eigentlich fachmännisch?

Ehrlicherweise muss man allerdings sagen, dass bei einer groß angelegten Maskenkontrolle in NRW an Bahnhöfen und in Zügen eine doch recht ordentliche Befolgung festgestellt werden konnte. Allerdings sind viele Busse und Bahnen aus Angst vor Ansteckung nur zu 50 bis 60 Prozent ausgelastet. Zudem war die Aktion in den Medien nachhaltig angekündigt worden und die Strafe von 150 Euro hat viele Fahrgäste vielleicht auch abgeschreckt. Damit wird man die angestrebte Erhöhung der Fahrgastzahlen auf 75 Prozent wohl kaum erreichen … 

Corona hat neben medizinisch-virologischen Aspekten noch ganz ungeahnte massive Einwirkungen, nämlich schlicht sprachlicher Art. Dies ruft dann die in Wiesbaden und im Deutschen Bundestag beheimatete „Gesellschaft für deutsche Sprache e. V.“, kurz GfdS, auf den Plan, um das Allerschlimmste bei der Infektion der Worte abzuwehren. So lernt man schnell, dass „Corona“ eigentlich dem Strahlenkranz einer totalen Sonnenfinsternis („Sofi“) aufgrund der augenscheinlichen Ähnlichkeit entlehnt ist.

Bei den ganzen coronigen Wortneuschöpfungen haben die Sprachforscher geradezu Sonne im Herzen (Chris Roberts sei Dank!). Wäre das allerdings eine „Sofi“, so müssten sie schnellstens in Corontäne. Es gibt aber auch aggressivere Varianten bei den Begriffszauberern wie beispielsweise „Covidioten“, um Corona-Maßnahmen-Ablehner und Einkaufs-Horter zu brandmarken. Gerade um diesen Ausdruck und vor allem seine Anwendung hat es aber viel Wirbel und Diskussionen gegeben.

Sprachlich hat sich, nebenbei bemerkt, auch etwas Bemerkenswertes getan. Die Firma Knorr hat im August bekannt gegeben, dass sie ihre „Zigeunersauce“ aufgrund möglicher negativer Interpretation in „Paprikasauce Ungarischer Art“ umbenennen will. Andere Hersteller wollen folgen und auch das Zigeunerschnitzel wird es nicht mehr lange geben. Schwieriger aber wird die Umbenennung des bekannten Liedes „Zigeunerjunge“ von der in den 60er Jahren erfolgreichen Sängerin Alexandra. Da kann sich jeder mal selbst dran versuchen (muss aber zur Melodie passen!). Übrigens kam sie am 31. Juli 1969 bei einem Verkehrsunfall in Tellingstedt (Kreis Dithmarschen) auf dem Weg nach Sylt ums Leben, also vor 51 Jahren.

Derweil Deutschland sich bei der Digitalisierung auf dem besten Wege befindet, das Feld nach hinten abzurollen. War da nicht schon vor Monaten von einer Corona-App die Rede? Ja klar, die kam dann auch mit (oder von der?) Macht, um schlussendlich zu zeigen, dass wir eigentlich noch digitale Zwerge sind. Hier funktioniert dies nicht, dort das, kein Ende absehbar.

Ein Blick in den eisigen Nordosten Europas lässt es einem dann kalt den Rücken runterlaufen. Im Bermuda-Dreieck des Baltikums, bestehend aus Estland, Lettland und Litauen, haben mal eben ein paar IT-Nerds innerhalb von wenigen Tagen eine funktionierende Kommunikations-App („ViLTE“) zusammenprogrammiert. Man kann dort sogar online Arztbesuche mit anschließendem Rezept durchführen. Auch die Bildung funktioniert bei den PISA-Boliden digital-einfach. Als glatten Hohn muss man dann auch noch empfinden, dass beispielsweise Estland seine erforderlichen Unterlagen zum Unterricht kostenlos (!) in Europa zur Verfügung stellt.

Bei den Dichtern und Denkern ist der Bleistift aber nach wie vor das Schreibmittel der Wahl zum Ausfüllen von Papierformularen, die Spitze des Eisbergs bilden dann tatsächlich Excel-Tabellen, sieh‘ mal einer an! 

So sollten wir doch wohl zumindest im „Land der Lenker“ (Die Deutschen und ihr Auto, Buchtitel von Thomas Vašek) in der Lage sein, nach der versemmelten Pkw-Maut die StVO vernünftig zu reformieren. Weit gefehlt, ein kleiner Formfehler brachte das mühevoll zusammengestellte und viel diskutierte Werk dann doch ins Wanken, ja ließ es erst mal auf der Stelle stehen. Ein Aufatmen (hoffentlich mit Maske!) wurde hörbar bei all den Geschwindigkeitssüchtigen, die ob der niedrigeren Grenze für Fahrverbote schon Ausschau nach einem potenten E-Bike hielten. Nun gilt in den verschiedenen Bundesländern uneinheitlich geregelt wieder die alte StVO oder zumindest Teile davon, hauptsächlich Strafen für zu schnelles Fahren betreffend.

Hintergrund war, dass die letzteren Verschärfungen bezüglich der Fahrverbote am Ende vom Bundesrat zusätzlich eingebracht worden sind, nicht vom Verkehrsministerium selbst. Und so fehlte in der Präambel der Verordnung die Nennung der notwendigen Rechtsgrundlage („Verordnungsermächtigung“, denn es war ja kein Gesetz). Dumm gelaufen, könnte man meinen. Aber was wäre das Leben langweilig ohne unsere allgegenwärtigen Theorien der Verschwörung. Bundesverkehrsminister Scheuer wollte die Verschärfungen ja eigentlich gar nicht, sondern nur der Bundesrat. Da hat man dann einfach etwas vergessen und schon beginnen die Diskussionen mit ungewissem Ausgang von Neuem …

Apropos Verschwörung, da gab es ja auch eine Menge Abstruses mit Corona als Hintergrund. Da fand bis März 2020 (also vor Corona) eine Ausstellung zu dem Thema „Verschwörungstheorien – früher und heute“ der Stiftung Kloster Dalheim im LWL Landesmuseum für Klosterkultur statt. Also eine sehr religiös angehauchte (!) Veranstaltung. Zur Eröffnung kam sogar unser Bundespräsident Steinmeier und sagte in seiner Rede sinngemäß, Verschwörungstheorien würden die Demokratie gefährden. Wobei, Moment mal, dies selbst, sozusagen auf einer Metaebene, als eine solche … Egal, den Autofahrer wird es nicht jucken und demzufolge auch nicht kratzen.

Beim Fußball ist ja leider immer noch kein Publikum zugelassen, die Staus bleiben dann einfach aus, besonders nach Spielende. Ob die Zuschauer jemals zurückkehren werden? La Ola wird sie schon wieder in die Stadien spülen. Eine V-Theorie besagt ja tatsächlich, dass unser Bundestrainer hinter allem steckt, weil Deutschland nicht gut auf die paneuropäische EM vorbereitet war. Die jetzt fehlenden Zuschauer sind dabei nur als kleiner „Kollateralschaden“ anzusehen …

Das Verkehrsverhalten in Corona-Zeiten wird übrigens sehr genau und aktuell in einem Schweizer Forschungsprojekt (MOBIS: COVID-19, ivtmobis.ethz.ch/mobis/covid19/) untersucht. Dabei wurden Freiwillige mit einer (anonymisierten) App ausgestattet. Wissenschaftlich interessant ist, dass aus der seit 2019 laufenden MOBIS-Studie valide Vergleichszahlen aus der Zeit vor Corona vorliegen. Erstaunlicherweise veränderten die beteiligten Personen ihr Verhalten schon rund zwei Wochen vor dem Lockdown am 16. März. 

Gewinner in der Nutzung ist eindeutig das Fahrrad, wenngleich die zeitlichen Muster häufig eher auf die Verwendung als „Fitnesswerkzeug“ hinweisen. Verlierer ist, wie zu erwarten war, der öffentliche Verkehr. Inwieweit er sich dort erholt, bleibt abzuwarten. Jedenfalls reduzierten sich die täglichen Wege um 40 Prozent, die „Aktivitätenräume“ sogar um 80 Prozent. Die Ergebnisse werden angeblich fortgeschrieben. Aktueller sind Daten der Google COVID-19 Community Mobility Reports (www.google.com/covid19/mobility/), die einen mit ihrer Datenfülle einfach atemlos (keine Maske erforderlich!) lassen. Da lernt man beispielsweise, dass in der Mongolei 94 Prozent mehr Besuche in Parks stattfinden und 35 Prozent mehr öffentlicher Verkehr genutzt wird, warum auch immer.

Die wirklichen Gewinner aber sind die Big Five aus den USA: Amazon, Google, Microsoft, Facebook und Apple mit ständigem Gewinnwachstum. Man halte sich vor Augen (nicht zu nah!), dass Jeff Bezos mit seinem Lieferdienst persönlich seit Anfang der Pandemie ein Plus von 35 Milliarden Dollar verbuchen kann, und Apple ist auf einmal zwei Billionen Dollar wert. Zudem werden weltweit rund 50 Prozent mehr Daten durchs digitale Universum geschickt, so schnell kann man gar nicht die ganzen Videos bei Netflix, YouTube oder Amazon Prime angucken. In Deutschland haben wir der amerikanischen Übermacht nichts Vergleichbares entgegenzusetzen. Wir freuen uns ja schon, wenn wir überhaupt einen vernünftigen Internetanschluss und WLAN haben.

Das alles gepaart mit Künstlicher Intelligenz lässt nichts Gutes erwarten, ganz zu schweigen von der damit einhergehenden Künstlichen Dummheit. Unsere Bewegungsprofile werden immer genauer erfasst und ausgewertet. Daraus werden dann geschickt individualisierte Angebote zusammengestellt. Vielleicht ist ja manche Verschwörungstheorie auch auf diesem Wege entstanden … 

Auf der Straße aber geht das normale Leben weiter, und auch dort offensichtlich immer schneller. Die „Rasende Liebe“ (Buch von Hardy Holte) lässt einfach nicht locker. Wir fahren einfach aufs Auto ab. Doch seit Sommer 2017 ist die Raserei eine Straftat, vorher handelte es sich lediglich um eine Ordnungswidrigkeit. Nun drohen allerdings eine Geldstrafe oder bis zu zwei Jahre Gefängnis.

Egal ob nun mehr hingeschaut wird oder es tatsächlich eine dramatische Verschlimmerung gegeben hat, im Jahre 2019 wurden in neun Bundesländern 1.900 solcher Fälle gemeldet, rund 700 mehr als im Jahr zuvor. Allerdings werden in der Statistik nicht nur illegale Rennen, sondern auch Einzelraser mit Höchstgeschwindigkeit (gegen die Uhr?) sowie die Flucht vor der Polizei bei Verfolgungsjagden gezählt. Durch die im Jahr 2020 Corona-bedingt leereren Straßen drängt sich die Gelegenheit dem potenziellen Raser geradezu auf. Bei den Rennen ist man immer wieder auf Zeugenaussagen angewiesen, insbesondere wenn am Ende, wie zuletzt häufiger geschehen, Menschen dabei zu Schaden kommen oder sogar sterben. Trotz der Straferhöhungen, auch wenn die StVO diese noch nicht hergibt, wird weiter ungebremst gerast.

Man ist fast geneigt, an Galileo Galileis Ausspruch: „Und sie bewegt sich doch“ zu denken. Schade nur, dass er dies tatsächlich nie gesagt hat, sondern: „Ich habe also einen Irrtum begangen, und zwar, wie ich bekenne, aus eitlem Ehrgeiz, reiner Unwissenheit und Unachtsamkeit.“ Man wünscht sich solchen Ausspruch, in Teilen zumindest, auch von den Rasern.

Nicht mehr bewegen wird sich allerdings bald der Smart in der jetzigen Form, der nur noch elektrisch daherkommt. Im ersten Halbjahr 2020 musste mit –83,6 Prozent das höchste Minus aller Fahrzeugtypen bei Zulassungen geschluckt werden. Das liegt wohl auch daran, dass der Kleine seit 2006 kaum verbessert worden ist. Doch es erstrahlt smartes Licht am Ende des Tunnels, denn in China wird durch ein Joint Venture von Daimler mit Geely 2022 der „New Smart“, auch rein elektrisch, an den Start gehen. Und, wie nicht anders zu erwarten, auch als SUVVersion. Doch diese wird dann hoffentlich kein neues „Werkzeug“ für Raser werden!

 

AUTOR

PROFESSOR DR. MICHAEL SCHRECKENBERG, geboren 1956 in Düsseldorf, studierte Theoretische Physik an der Universität zu Köln, an der er 1985 in Statistischer Physik promovierte. 1994 wechselte er zur Universität Duisburg-Essen, wo er 1997 die erste deutsche Professur für Physik von Transport und Verkehr erhielt. Seit mehr als 15 Jahren arbeitet er an der Modellierung, Simulation und Optimierung von Transportsystemen in großen Netzwerken, besonders im Straßenverkehr, und dem Einfluss von menschlichem Verhalten darauf. 

Seine aktuellen Aktivitäten umfassen Onlineverkehrsprognosen für das Autobahnnetzwerk von Nordrhein-Westfalen, die Reaktion von Autofahrern auf Verkehrsinformationen und die Analyse von Menschenmengen bei Evakuierungen.