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Und dies ist nicht nur auf die epidemiologischen Fallzahlen, deren Deutung und die daraus abgeleiteten Maßnahmenkataloge beschränkt, sondern es wirkt bis in fast alle Lebensbereiche tief hinein. Ob Radio, Fernsehen, Printmedien oder natürlich die Onlinewelt, überall hat sich das (oder der?) Virus breitgemacht. Es scheint fast so, als ob die Corona-Erkrankung COVID-19 nur die Spitze eines Eisbergs darstellt, die (traurige) Musik wird aber woanders gespielt. 

Bei der Aufarbeitung nur allein der psychologischen Folgewirkungen stehen wir eigentlich erst ganz am Anfang und es wird wahrscheinlich Jahre dauern, bis dazu belastbare Ergebnisse vorliegen. Ein Beispiel sind die ausgefallenen Schulstunden aufgrund der Schulschließungen infolge der Corona- Krise. Ab Mitte März wurde der Schulbetrieb praktisch flächendeckend eingestellt. Am Ende des Schuljahres gab es aber wie beispielsweise in NRW trotz heftiger Kritik noch mal etwas mehr als eine Woche Präsenzunterricht.

Damit war ungefähr ein Drittel des Schuljahres passé. Aus den Spätfolgen der zwei Kurzschuljahre 1966/67 in NRW (habe ich selbst mitgemacht!) weiß man aus Berichten Betroffener, dass dieses Versäumnis niemals mehr aufgeholt werden kann. Das verlorene Drittelschuljahr führt einer Studie des Bildungsökonomen Prof. Ludger Wößmann vom Münchner ifo Institut zu einer späteren durchschnittlichen Einkommenseinbuße von drei bis vier Prozent. Oha, das muss ich dann doch mal für mich nachrechnen …

Interessant ist auch die deutliche Zurückhaltung bei Arztbesuchen. Es ist fast so, als ob durch die Pandemie andere Krankheiten und Wehwehchen wie weggeweht sind. Besonders betroffen sind Augenärzte, HNO-Ärzte und Orthopäden. Aber es scheint auch dem Gebiss die Zurückhaltung bei Kontakten extrem gut zu bekommen, teilweise fast 80 Prozent Rückgang bei Zahnarztbesuchen! 

Dazu passt ein Rekordtief (seit zehn Jahren) im Mai 2020 bei Krankmeldungen, häufig aus Angst vor Jobverlust, wobei im März noch ein Rekordhoch innerhalb der letzten 20 Jahre zu vermelden war. Daran sieht man sehr genau, wie tief der Einschnitt tatsächlich war.

Das Corona-Virus schafft es tatsächlich mit seiner „Ausstrahlung“ auch in die eher lichtscheuen Gewerbe. Auf die Spitze in dieser Richtung treibt es ein „Vorschriftenkatalog“ der griechischen Regierung mit elf Geboten für das Verhalten in Bordellen. Demzufolge sollen die Sexarbeiterinnen und ihre Kunden in Kopfhöhe mindestens eine Elle Abstand haben, also so viel wie vom Handgelenk zum Ellenbogen. Da ist natürlich erst mal zu fragen, wessen Ellenbogen da als Maß genommen wird, fallen diese doch recht unterschiedlich aus. In der Bibel wird die Elle mit rund 45 Zentimetern angegeben, ein Maß, das schon im Alten Testament beim Bau bei der Arche Noah Anwendung fand. 

Zudem sind „bei allen Dienstleistungen“ Gesichtsmasken zu tragen, „essbare sexuelle Gegenstände“ wie auch Bargeldzahlung sind verboten und über jeden Kunden ist Buch zu führen. Die dazu passende Praxis kann sich jeder selbst ausmalen, allerdings braucht man dafür wohl eine Menge Fantasie.

Bei all dem Begriffswirrwarr, das uns da aufgetischt wird, kann man sehr leicht den Überblick verlieren. Nimmt man beispielsweise die Worte Lockdown und Shutdown her, deren genaue Bedeutung selbst Politikern beim Einsatz derselben unklar scheint. Eine richtige Übersetzung ins Deutsche gibt es direkt nicht, denn die Bedeutung von Lockdown einfach als Ausgangssperre und Shutdown als Herunterfahren von (öffentlichen) Aktivitäten, ob wirtschaftlicher, kultureller, politischer oder sonstiger Art, ist zu kurz gegriffen. Manchmal ist man geneigt, bei dem häufigen Gefasel mit dem Gegenteil, einem „shut up!“, zu antworten. 

Die Überdeckung anderer wichtiger Themen hat dabei nicht nur zu einem wahren Stau derselben geführt, nein dieser Stau wird ebenso skrupellos ausgenutzt. So hat Brasiliens „Umweltminister“ Ricardo Salles aus der Regierung unter Präsident Jair Bolsonaro ganz unverblümt in einer Kabinettssitzung, festgehalten in einem Video-Mitschnitt, dafür plädiert, die mediale Ablenkung durch Corona zur rücksichtslosen Abholzung des Amazonas-Regenwaldes durch Ändern von Regelungen und Vereinfachen von Vorschriften voranzutreiben.

Ebenso vom Virus „verschluckt“ wurden Meldungen über eine Temperatur von 38 Grad Celsius in der Stadt Werkojansk in Sibirien (!), ein Rekord innerhalb des Nordpolarkreises. „Die Arktis brennt“, so Klimawissenschaftler, aber die Waldbrände sind nicht nur dort, sondern weltweit ein gerade jetzt (weiterhin) unterschätztes Problem. 

Überhaupt scheint die Klimadebatte trotzdem ein wenig an Fahrt zu verlieren, da es dort zwar auch um die Gesundheit der Menschheit jetzt und in der Zukunft geht, andere Probleme in dieser Hinsicht aber dringlicher zu lösen sind. Was nützt den Menschen schließlich das beste Klima, wenn sie von einer tödlichen Pandemie (nach der anderen) heimgesucht werden?

So werden die klimatologischen Auguren einfach durch die virologischen, zumindest übergangsweise, abgelöst. Entscheidend ist dabei der zeitliche „Selbstbezugsfaktor“: Das eine kommt erst in ein paar Jahren (vielleicht?) und ist für das Individuum im Augenblick weniger relevant als das Virus, das genau jetzt an jeder Ecke aerosolartig auf einen neuen Wirt wartet. Gemeinsam ist aber beiden Bestrebungen, die „dystopische“ Weltsicht, also ziemlich dyster (!). Man spricht dann gerne auch von einer „Antiutopie“, manchmal auch von einer „Kakotopie“ …

Im Windschatten der Virusdiskussion gehen auch so manche Entwicklungen im Verkehr unter. Die Meldungen „poppen“ mal kurz hoch und verschwinden dann auch schnell wieder aufgrund fehlender medialer „Nachhaltigkeit“. So titelte die Süddeutsche Zeitung am 27./28. Juni 2020 auf Seite eins „Im Autowahn“, um dann unter der Überschrift „Volle Kraft voraus“ über die Liebe der Deutschen zur Autobahn zu philosophieren. In der Tat war die Autobahn schon immer ein Kultobjekt, spätestens jedoch seit der Einspielung von „Autobahn“ der Elektro-Musik-Pioniere Kraftwerk, die dieses Jahr ihr 50-jähriges Gruppen- Jubiläum feiern. Der Refrain „Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn“ wurde praktisch zum Paradigma der seinerzeitigen mobilen Generation.

Aber wieso widmet man sich gerade jetzt dem Treiben auf der Autobahn? Denn jetzt war doch endlich mal entspanntes „Cruisen“ auf längeren Strecken möglich. Nur vereinzelt wurde man durch dahinrauschende Geschwindigkeitsfetischisten aus diesem Traum einer nur einem selbst zur Verfügung stehenden Privatautobahn gerissen. Da hatte man endlich mal ein gutes Gefühl bei dem Gedanken an die ganzen verkehrlichen Steuern, die man zahlt. Selbst eine Pkw-Maut würde man da einfach weglächeln. 

Doch die Realität holt einen spätestens seit Lockerung der Corona-Maßnahmen mit Macht ein. Nicht nur der gemeine Pendler wagt sich nun wieder auf die aerosolgetränkten Pisten, nein auch der deutsche Urlauber fordert sein Recht auf einen Stellplatz auf der Autobahn ein. Ab an die See, ob Nord oder Ost ist eigentlich egal, wie früher einmal, als Fliegen eher als Fata Morgana der abgehobenen (oder abgefahrenen?) Mobilität galt. So war es nun ja auch eine ganze Zeit lang.

Nicht verstanden habe ich allerdings, warum gerade beispielsweise in Düsseldorf jeder zweite Flug (im Stundentakt) in die Türkei abhob und landete. Vielleicht mussten ja alle umkehren … 

So wird aber auch hin und wieder, aber in immer kürzeren Abständen, der Versuch der Einführung eines generellen Tempolimits auf deutschen Autobahnen unternommen. Gerade erst forderte die Bundestagsfraktion der Grünen eine Obergrenze von 130 km/h ab Januar 2021. Im vergangenen Oktober waren sie mit diesem Vorstoß im Bundestag kläglich gescheitert. Die Ablehnung folgt bei solchen Vorhaben eigentlich immer auf dem Fuße, was nichts mit Fußgängern zu tun hat. Obwohl der irische Professor für Neurowissenschaft Shane O‘Mara ständig flammende Plädoyers für das Zufußgehen hält. Vielleicht ein Ausweg aus der vertrackten Situation …

Die Ausweglosigkeit der Lage hat auch der ADAC erkannt und lässt verlauten: „Gegen schwierige Verkehrssituationen wie Stau oder aggressive Autofahrer können Sie aktuell nichts tun.“ Das ist auch eine Art Kakotopie, besser vielleicht aber passt „Kismet“, die göttliche Vorsehung für gestresste Autofahrer. Der ADAC allerdings rät: „Lassen Sie kein Gefühl von Macht- und Hilflosigkeit an sich herankommen.“ Damit ist eigentlich alles gesagt.

Solche Gefühle kommen bei den reinen Elektro- Kutschen gar nicht erst auf. Bis Mai 2020 waren schon mehr zugelassen als im ganzen Jahr 2018 und der Spitzenwert von über 63.000 im Jahre 2019 wird sich am Ende geschlagen geben müssen. Die Prämien zeigen also Wirkung und der Fahrkomfort der „Batteristen“ (BEV) kann sich mittlerweile mehr als sehen lassen, nicht nur wenn das Tesla-Symbol darauf prangt. 

Doch wo viel Licht ist und so weiter, ist auch ein Engpass. Denn die schönen, kompakten und preisgünstigen Mini-Elektros sind fast nicht mehr zu haben dieses Jahr. Das liegt auch daran, dass es kaum „richtige“ Batterieautos gibt, also solche, die nicht umgebaute Verbrenner sind, sondern direkt als Stromer geboren wurden, wie beispielsweise der Tesla Model 3, der BMW i3 oder der VW ID 3. Warum herstellerübergreifend immer die „3“ auftaucht, bleibt mir ein Rätsel, vielleicht eine Glückszahl? Die meiner Frau auf jeden Fall!

Auch E-Bikes und Pedelecs sind auf dem stromführenden Vormarsch. Kein Wunder, der Sommer lockt, Fahrradwege sprießen förmlich aus dem Nichts und die Angebote überbieten sich. So, oder ähnlich, musste wohl auch der Düsseldorfer OB Geisel gedacht haben, als er auf einer vielbefahrenen zweispurigen Straße am Rhein einen sogenannten „Pop-up-Fahrradweg“ (auch Corona-Radweg genannt) einrichten ließ. Einfach eine von zwei Fahrspuren umgewidmet, und Chaos und Unfälle erzeugt. Was für die eine Richtung nicht funktionierte, sollte dann auch für die entgegengesetzte her. Nun nennt sich das Vorhaben vornehm „Protected Bike Lane“. Danke schön dann auch! Was anstehende OB-Wahlen nicht alles anrichten können … 

Auch die äußerst kritisch beäugten E-Roller bekommen anscheinend nach einer Durststrecke und vielen Abgesängen durch Corona geradezu ein zweites Leben eingehaucht. Sie ersetzen zwar nicht die Automobile, aber zu lange Fußwege (Prof. O’Mara wäre entsetzt!) und überfüllte Busse und Bahnen mit virenschwangerem Luftgemisch. Sie sind nun wieder da, und das mit Macht.

Schade nur, dass die Vorreiter der elektrischen Gleichgewichts-Akrobatik namens Segway den Strom abschalten. Na gut, man sah sie eher in Touristenregionen brav hintereinander her „schwanken“. Zu einem echten Beförderungsmittel hat es der Segway in seinem zwanzigjährigen Dasein nie geschafft, aus der Pubertät ist er einfach nicht herausgekommen. Genau das wünscht man auch dem Corona-Virus, allerdings sind 20 Jahre dafür ein wenig lang. Und andere Themen haben wir wirklich genug!

 

AUTOR

PROFESSOR DR. MICHAEL SCHRECKENBERG, geboren 1956 in Düsseldorf, studierte Theoretische Physik an der Universität zu Köln, an der er 1985 in Statistischer Physik promovierte. 1994 wechselte er zur Universität Duisburg-Essen, wo er 1997 die erste deutsche Professur für Physik von Transport und Verkehr erhielt. Seit mehr als 15 Jahren arbeitet er an der Modellierung, Simulation und Optimierung von Transportsystemen in großen Netzwerken, besonders im Straßenverkehr, und dem Einfluss von menschlichem Verhalten darauf. 

Seine aktuellen Aktivitäten umfassen Onlineverkehrsprognosen für das Autobahnnetzwerk von Nordrhein-Westfalen, die Reaktion von Autofahrern auf Verkehrsinformationen und die Analyse von Menschenmengen bei Evakuierungen.