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Hatte unser Bundesverkehrsminister Scheuer gerade noch drastische Verschärfungen bei den Strafen mit Fahrverbot für Tempoüberschreitungen im Straßenverkehr (innerorts ab 21 km/h und außerorts ab 26 km/h) angekündigt, so rudert er kurze Zeit später nach massiven Protesten deutlich zurück. Man mache sich auch klar, dass die vorherigen Werte bei 31 km/h (innerorts) und 41 km/h (außerorts) lagen. Doch er räumte ein, diese neue Regelung sei „unverhältnismäßig“. 

Damit vollführte Scheuer innerhalb von knapp drei Wochen praktisch eine Rolle rückwärts. Im Pferdesport würde man von einer „Volte“ sprechen, bei der mit dem Pferd ein enger Kreis gelaufen wird. Beim Fechten ist damit ein Ausfallschritt zur Abwehr eines Angriffs gemeint. Besser gefällt mir eigentlich die Interpretation der Zauberkunst. Hier meint man mit Volte das vom Publikum unbemerkte Abheben eines Kartenstapels.

Aber natürlich wird schon auch dabei herbe Kritik laut, insbesondere aus Mecklenburg-Vorpommern, wo man Geschwindigkeitsübertretungen nicht als Kavaliersdelikt eingestuft sehen möchte. Da prallen wieder die verschiedenen Verkehrswelten frontal aufeinander. Dabei hatte man mit der am 28. April eingeführten Neuerung der StVO eigentlich nur Gutes im Sinn. Man wollte vor allem Radfahrer und Fußgänger stärker schützen. Kein Halten mehr auf den Schutzstreifen für Fahrradfahrer und mehr Abstand beim Überholen derselben. 

Nun kommt das in Zeiten von Corona eigentlich gerade recht. Innerorts 1,50 Meter und außerorts 2,00 Meter Abstand zu den Radlern. Aber ist das nicht sowieso Pflicht aus Infektionsgründen? Eine Studie der Universitäten Leuven und Eindhoven kommt sogar zu dem Ergebnis, dass 20 Meter Abstand angemessen wären (zwischen den Radfahrern). Die Aerosolpartikel (also feinste flüssige oder feste schwebende Stoffe in Gasen wie der Luft) verbreiten sich hauptsächlich hinter den Fahrenden (oder Laufenden) und treffen so auf die Nachfolgenden.

Hinzu kommt noch die neuere Erkenntnis (jeden Tag wird ja etwas Unerwartetes herausgefunden), dass die Aerosole letztendlich wie das altbekannte und leidige Thema des Feinstaubs anzusehen sind. Damit halten sie sich Stunden (oder länger) in der Umgebungsluft auf und können so mühelos von Interessierten aufgenommen werden. So haben sich eigentlich die Abstandsregeln von 1,50 Meter relativiert, fast reine Psychologie. 

Sowieso haben Menschen mit Mundschutz anscheinend den Eindruck, nicht mehr (oder zumindest deutlich weniger) infizierbar zu sein. Wobei der Mundschutz eigentlich eher dazu dient, andere zu schützen und erst in zweiter Linie sich selbst. Das erinnert ein wenig an die Fahrradhelmdebatte, denn da wurde auch das Argument gebracht, dass Fahrer mit Helm (eigentlich ohne Grund) sich viel zu sicher fühlten und höhere Risiken eingegangen sind. Wir haben ja auch nach wie vor keine Helmpflicht für Radfahrer in Deutschland. Lediglich Lkw über 3,5 Tonnen müssen jetzt nach der neuen StVO beim Rechtsabbiegen Schrittgeschwindigkeit fahren, wenn mit Radfahrer- oder Fußgängerverkehr zu rechnen ist.

Derweil im Windschatten der Corona-Diskussion ein neuer Vorstoß für ein generelles Tempolimit von 130 km/h unternommen wird. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) hat sich nun für eine solche Maßnahme ausgesprochen. In dem Rat sind immerhin 200 Mitgliedsorganisationen vereint. Dazu zählen auch die Verkehrsminister des Bundes und der Länder. In einer engen Abstimmung des Vorstandes votierten zehn für und vier gegen ein Tempolimit. Allerdings gab es elf Enthaltungen. 

Irgendwie kann man die Weicheierei bei diesen Fragen nicht mehr gut mit ansehen. Warum sitzen solche meinungslosen Nullen in dem Vorstand? Null ist ja auch eine Zahl, die wir eben nicht den Arabern, sondern den Indern zu verdanken haben. Sie wurde allerdings von Arabern (wie auch die anderen Zahlen eins bis neun) von Nordafrika nach Europa gebracht, und zwar nach Spanien. Sieh mal einer an …

Von dort soll ja auch die danach benannte Grippe von 1918 bis 1920 stammen, genauer genommen „ausgegangen“ sein. Momentan wird dies wieder viel zitiert. Die wahrscheinlichste Theorie geht von einer Übertragung aus den USA aus nach Ende des Ersten Weltkriegs. Von 27, 50 (bis 100) Millionen Toten weltweit ist dabei die Rede, unfassbare Dimensionen einer Pandemie, nur noch vergleichbar mit der Pest im 14. Jahrhundert, die ein Drittel der Bevölkerung Europas dahinraffte. Die Spanische Grippe erzeugte somit mehr Opfer als der ganze Erste Weltkrieg zusammen (der schon schlimm genug war mit geschätzten 20 Millionen Toten).

Zu Beginn der Corona-Krise konnte man ei- AUTOR gentlich davon ausgehen, dass mehr Menschen auf das Auto umsteigen würden, um den öffentlichen Verkehr und damit den Kontakt zu anderen zu meiden. Doch es kam anders, der Verkehr kam fast zum Erliegen. Die BILD titelte über mich: „Stauforscher ohne Stau“. 

Derweil hat man zu Hause am Rechner nun jede Menge Zeit, die Weltlage zu beobachten. Hat man vorher nur ein paar Minütchen darein investiert, so sind es mittlerweile eher ein paar Stündchen. Das ist ja auch kein Wunder, hat man doch durch Homeoffice geschätzte ein bis zwei Stunden pro Tag an Mobilität gespart.

Doch ganz so einfach ist die Sache nicht. Zwar träumen viele Unternehmen davon, dass dadurch auch nach der Corona-Epidemie aufwendige Reisekosten per Auto, Bahn oder Flugzeug eingespart werden können und alle häufig nur noch von zu Hause aus arbeiten. Will man sich treffen, nutzt man Videokonferenzen. Da gibt es unterschiedliche Systeme, ob Zoom, Teams, BigBlueButton (BBB) oder was sonst. 

Ein interessanter Effekt dabei ist, wie Studien ergeben haben und was ich auch bestätigen kann, dass nach rund 40 Minuten das Niveau der Konferenzen stark sinkt, nahezu auf null (da ist sie schon wieder!). Da man per Video ja auch viele private Dinge im Homeoffice von sich preisgibt, meistens natürlich im Hintergrund, kommen dann auch schnell Fragen nach der privaten Ausstattung auf. Was steht denn da hinter Dir eigentlich im Regal? Man kann aber auch einfach künstliche Hintergründe schaffen, ob Karibik, Alpen oder Arktis (ohne Eis?).

Ein weiterer markanter Aspekt ist, dass sich viele gar nicht wirklich aktiv an diesen Veranstaltungen beteiligen. Bei Onlinevorlesungen schalten die Studenten die Kamera auf jeden Fall weg. Wer möchte denn morgens ungewaschen oder sonst wie gesehen werden. Nur der Dozent oder die Dozentin ist dann live zu sehen. Die sprechen dann mehr oder weniger vor eine Wand, sehr anstrengend! 

Man sieht zudem auch sehr schön, wie überflüssig manche Verkehre eigentlich sind. Dabei entsteht dann aber aufgrund der Bewegungslosigkeit schnell das Gefühl des „Lagerkollers“. Man muss sich ja praktisch zwingen, nach draußen in den öffentlichen Raum zu gehen. In unserer ständig anhaltenden Föderalismusdebatte werden ja dazu auch ganz unterschiedliche Standpunkte klar. Man kommt da gar nicht so schnell hinterher.

Es gibt aber auch interessante verkehrliche Auswirkungen der Corona-Einschränkungen. Damit ist nicht gemeint, dass Bahnen und Busse mehr oder weniger leer umherfahren. Auch auf der Straße findet eben weniger Verkehr statt. In Düsseldorf wurde für ein Wochenende 70 Prozent Reduktion gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres gemessen. In der Woche sprach man dann von 30 bis 40 Prozent. Nein, die Leere auf der Straße veranlasst viele (noch) automobil reisende Zeitgenossen, den nun zur Verfügung stehenden Raum für, sagen wir mal vorsichtig, zügiges Fahren auszunutzen. 

Unvorsichtig ausgedrückt heißt das, es wird gebrettert ohne Ende. Der Verfall der Sitten auf der Straße zeigt sich nun in aller Offenheit. Die Tempolimit-Diskussion und eventuelle Fahrverbote spielen dabei irgendwie keine Rolle. In der Zeitung konnte man ja lesen, dass die Polizei eigentlich gar kein Personal mehr vorhalten kann für variable Geschwindigkeitskontrollen (die festen Blitzer kennt man ja sowieso), da scheinen dann bei vielen sämtliche Raser-Dämme zu brechen.

Das betrifft aber gleichermaßen die Radfahrer, die auch in diesen Zeiten ein sehr „offensives“ Verhalten an den Tag, oder besser auf die Wege, legen. Es ist auch festzustellen, dass die Aggressivität auf der Straße deutlich zugenommen hat. Sind die Menschen in quarantäneartigen Zuständen eingesperrt, sind sie bei der Bewegung draußen schließlich erheblich angespannter und „bedrängender“. 

Ob dieser Effekt nachhaltig ist, bleibt abzuwarten. Der Urlaubsverkehr in Deutschland wird zunehmen, Fliegen ist schwierig und wird wahrscheinlich auch mittelfristig deutlich teurer. Mit dem Auto an die See oder in die Alpen zu fahren, wird wieder der Renner. Obwohl von „Rennen“ kann dann keine Rede sein, denn die dazugehörigen Staus werden sich automatisch einstellen.

Der Business-Verkehr wird wahrscheinlich dauerhaft abnehmen, denn damit wird Geld und Zeit gespart. Interessant ist auch, bei deutlich reduziertem Verkehr, die Schadstoffbelastungen mit den vorherigen Werten zu vergleichen. Da gibt es dann erstaunliche Erkenntnisse, denn teilweise gehen die gar nicht mal runter. Da werden dann „besondere klimatische“ Bedingungen angeführt. Die Diskussion um Fahrverbote nimmt damit neue Fahrt auf.

Wir leben also in einer Art Zwischenzeit. Es gab ein Vorher und es gibt irgendwann ein Nachher. Wie das mobilitätsmäßig genau aussehen wird, weiß keiner. So ist die Automobilindustrie auch in einer Wartestellung, denn wann werden welche Autos wieder gekauft? Alles Elektro oder was? Zuschüsse werden diskutiert, vielleicht gezahlt oder auch nicht. Der Staat verschuldet sich immer weiter, das Ende dieser Krisenleiter ist nicht in Sicht. 

Und dann fallen uns auch noch solche Projekte wie die Leverkusener A1-Brücke auf die Füße. Schon wieder ein mangelhafter Bau, der gestoppt werden musste. Das sind keine Kleinigkeiten. Das größte Autobahn-Bauprojekt in Deutschland scheitert kläglich. Wieso kann man nicht besser planen oder zumindest früher die Reißleine ziehen?

Die Bedingungen, unter denen wir momentan arbeiten und entscheiden, sind kritisch. Aber man sollte dabei in der Krise nicht neue Krisen schaffen. Mein Amt als Dekan der Fakultät für Physik der Universität Duisburg-Essen wurde ohne Wiederwahl einfach mal um fünf Monate verlängert. Rücktritt ist nur aus sehr „triftigem Grund“ möglich. Ich gehe nicht in Kurzarbeit, sondern in „Langarbeit“. So viel Kontakt zu Kollegen und sonstigen Verwaltungsmitarbeitern hatte ich vorher nie. 

Vielleicht ist ja auch das ein Weg, die Krise der Krise zu bewältigen. Nur jammern hilft da halt nicht, sondern jede Krise erlaubt einen neuen Anfang. Der wird vielleicht oder wahrscheinlich viel bessere Perspektiven bieten, als es der Zustand vorher ermöglicht hat. Man sollte also durchaus positiv in die Zukunft blicken, denn minus mal minus gibt mathematisch am Ende auch ein Plus!

 

AUTOR

PROFESSOR DR. MICHAEL SCHRECKENBERG, geboren 1956 in Düsseldorf, studierte Theoretische Physik an der Universität zu Köln, an der er 1985 in Statistischer Physik promovierte. 1994 wechselte er zur Universität Duisburg-Essen, wo er 1997 die erste deutsche Professur für Physik von Transport und Verkehr erhielt. Seit mehr als 15 Jahren arbeitet er an der Modellierung, Simulation und Optimierung von Transportsystemen in großen Netzwerken, besonders im Straßenverkehr, und dem Einfluss von menschlichem Verhalten darauf. 

Seine aktuellen Aktivitäten umfassen Onlineverkehrsprognosen für das Autobahnnetzwerk von Nordrhein-Westfalen, die Reaktion von Autofahrern auf Verkehrsinformationen und die Analyse von Menschenmengen bei Evakuierungen.