PDF DOWNLOAD

Allerdings: Die Polizei hat in den ersten sechs Monaten dieses Jahres mehr Unfälle als im ersten Halbjahr 2018 aufgenommen. Im Vergleich: Die Zahl der Unfälle stieg um knapp einen halben Prozentpunkt auf rund 1,3 Millionen an. Davon hatten 1,16 Millionen Unfälle einen Sachschaden zur Folge (plus 1,1 Prozent), bei knapp 139.000 Unfällen kamen Personen zu Schaden (minus 4,9 Prozent).

Bezogen auf eine Million Einwohner starben im ersten Halbjahr 2019 in der Bundesrepublik durchschnittlich 18 Menschen im Straßenverkehr. In den Bundesländern Sachsen-Anhalt (29 Verkehrstote je eine Million Einwohner) und Brandenburg sowie Mecklenburg-Vorpommern (je 27) lagen die Werte am höchsten. Auf Werte unter dem Bundesdurchschnitt kamen die drei Stadtstaaten, die allerdings aufgrund ihrer Siedlungsstruktur generell niedrigere Werte aufweisen. Ebenfalls ein geringeres Risiko verzeichneten Nordrhein- Westfalen (12) sowie Schleswig-Holstein (14) und das Saarland (15).

Der Zeitraum Januar bis Mai 2019 liefert noch etwas detailliertere Ergebnisse. So starben in den ersten fünf Monaten dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mehr Fahrradfahrer (+11,3 Prozent/ 16 Personen). Hingegen sank die Zahl der getöteten Fahrer von Krafträdern (-20,4 Prozent / 44 Personen) sowie die der Pkw-Insassen (-5,5 Prozent / 31 Personen). Die Anzahl der getöteten Fußgänger blieb unverändert (173 Personen).

Forderung nach besserer Fahrradinfrastruktur
Die Statistik (Grafik rechts) zeigt es: Die Zahl der getöteten Radfahrer steigt nach Jahren des Rückgangs wieder. Und auch die Zahl der insgesamt verunglückten 88.850 Radfahrer (2018) ging im Vergleich zu 2017 um fast elf Prozent nach oben. Sicherlich liegt dies auch darin begründet, dass immer mehr auf den Straßen los ist und es somit logischerweise öfters zu Unfällen kommt. Das Umweltbundesamt (UBA) ermittelte: Der Personenverkehr stieg zwischen 1991 und 2017 um 37 Prozent. Allein beim Radverkehr verzeichnete man zwischen 2007 und 2016 einen Zuwachs um rund sechs Milliarden Personenkilometer.

Trotzdem sind die steigenden Unfall- und Todeszahlen bedenklich. „Täglich stirbt mindestens eine Radfahrerin oder ein Radfahrer auf unseren Straßen und alle halbe Stunde wird eine Person auf dem Rad schwer verletzt“, sagt Burkhard Stork, Geschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Fahrrad- Clubs (ADFC). Die häufigste Unfallkonstellation für Radfahrende sei demnach die Kollision mit Kraftfahrzeugen beim Einbiegen, Kreuzen oder Abbiegen. „Wir brauchen endlich eine Umgestaltung der Städte, mit durchgängigen, sicheren Radwegen und geschützten Kreuzungen, wie sie in den Niederlanden und Nordamerika bereits gebaut werden“, so Stork weiter.

Und auch der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) sieht die Kommunen in der Pflicht, stärker in die Verkehrssicherheit zu investieren. So müsse bei der Planung neuer Straßen erst an schwächere Verkehrsteilnehmer gedacht werden, sagt DVR-Präsident Dr. Walter Eichendorf.

Von den Verkehrsministern der Länder wurde im Sommer indes ein 15-Punkte-Plan erarbeitet, der das Radfahren sicherer machen soll. Unter anderem sollen demnach Lkw nur noch in Schrittgeschwindigkeit rechts abbiegen dürfen. Zudem hat Verkehrsminister Andreas Scheuer einen Entwurf der neuen Straßenverkehrsordnung vorgelegt. Darin geht es vor allem um einen größeren Schutz für Radfahrer und Fußgänger.

Gefahr durch E-Scooter?
Erst gehypt, jetzt verteufelt? Die Rede ist von E-Scootern, die nach Einschätzung des ADFC die Zahl der Unfälle beim Zweiradverkehr im aktuellen Jahr noch weiter erhöhen werden. Denn der Radverkehr in den Städten nimmt weiter zu (nicht zuletzt auch durch Leihfahrräder) und E-Scooter  machen die oftmals ohnehin schon schmalen Radwege immer enger und gefährlicher. ADFC-Geschäftsführer Stork: „Es ist unverantwortlich, immer mehr Fahrzeuge auf erbärmliche Radwege zu lassen, ohne die Infrastruktur dem gewachsenen Bedarf anzupassen!“

Der Versicherer Allianz fordert gar, E-Scooter-Unfälle ab sofort als eigenständige Verkehrsbeteiligungsart in der Straßenverkehrsunfallstatistik zu führen. „Nur so können die Sicherheitsexperten von Beginn an Fehlentwicklungen und typische Unfallmuster erkennen und frühzeitig Gegenmaßnahmen empfehlen“, sagt Jochen Haug, Vorstand für das Ressort Schaden der Allianz Versicherungs-AG, in einer Stellungnahme. Denn die Benutzer seien – wie schon beim Pedelec zu beobachten – völlig ungeübt mit dem neuen Gefährt und seinen fahrdynamischen Eigenschaften, heißt es weiter.

Der Ruf der Allianz scheint bereits erhört worden zu sein. Denn erste lokale Unfallstatistiken gibt es mittlerweile schon: So berichtet die Deutsche Presse-Agentur (dpa) von mehr als 40 polizeilich registrierten E-Scooter- Unfällen in München bis Anfang September. In Köln gab es gemäß Polizeiangaben 55 Unfälle, 51 davon waren durch den Fahrer selbst verursacht, in 16 Fällen stand der E-Scooter-Fahrer unter Alkoholeinfluss. Christian Kühne, Chefarzt in der Hamburger Innenstadt-Klinik St. Georg, sagte gegenüber der dpa: „In den vergangenen beiden Monaten (Anm. d. Red.: Juli und August) haben wir in unserer Klinik mehr Verletzte durch E-Scooter- Unfälle behandelt als Verletzungen durch Fahrradunfälle.“

Klar ist: Kommunen und Politik sind beim Thema Zweiradverkehr besonders gefordert, aber auch die Nutzer selbst. Denn vielfach passieren Unfälle unter Alkoholeinfluss oder wären durch mehr Rücksichtnahme vermeidbar.