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Flotte! Der Branchnetreff
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"Flotte! Der Branchentreff" 2020
Professor Dr. Michael Schreckenberg

Irgendwie Alles Anders

Eigentlich hat sich ein Besuch auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt immer gelohnt. Mit offenem Mund steht man nicht nur vor einzelnen herausragenden Exponaten, auch angesichts der Fülle des An- und Dargebotenen kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Dazu überstürzen sich die Weltpremieren, alles glänzt, funkelt und leuchtet. Der Blick ist dabei (fast) überall schnurstracks nach vorne gerichtet, teilweise sehr weit in die Ferne, vielleicht zu weit für viele.

So blieben dieses Jahr auch viele potenzielle und namhafte Marken und Aussteller in gerade dieser Ferne oder es zog sie dorthin. Von 1.100 Ausstellern vor zwei Jahren sind gerade mal 800 übrig geblieben. Die Franzosen und die Japaner haben sich weitgehend zurückgezogen, aber auch Volvo, Renault und Kia sind ohne Stand nur eine Rand(streifen)erscheinung. Die Chinesen gehen dagegen wie auf allen Märkten forsch voran und erhöhen ihre Präsenz. Doch muss man das natürlich auch vor dem Hintergrund eines deutlich schwächelnden Absatzmarktes in China selbst sehen. Und das betrifft, anzusehen als besonders herber Schlag für die Branche, ebenso den Bereich E-Mobilität.

Aber auch die präsenten Aussteller mit großen Ständen haben deutlich abgespeckt. BMW, Daimler und VW haben sich kleiner gesetzt. Das muss aber nichts Schlechtes bedeuten, kann man sich doch auf das Wesentliche konzentrieren. Das Publikum wird da eigentlich keine Abstriche machen, ist das Gezeigte auf jeden Fall vom Feinsten.

So mag man sich auf der immer noch „hochrangigsten“ Automobilausstellung weltweit ein wenig trösten, dass manchmal weniger auch mehr sein kann. In der Physik und auch anderen Wissenschaften ist dies durchaus bekannt, sprichwörtlich als Gegenteil zu verstehen von „zu viel des Guten“ als Schadenursache. Für den interessierten Besucher ist die Reduktion fast ein Glücksfall. Man muss nicht mehr überall hin hecheln und meint am Ende doch vieles nicht gesehen oder verpasst zu haben. Der relaxtere Umgang lässt eben auch mehr Tiefe zu, und die ist häufig gar nicht so gefährlich. Mein Smartphone (chinesischer Herkunft) bescheinigte mir aber dennoch die gesundheitsfördernde Anzahl von über 10.000 ausgetretenen Messe-Schritten!

Aber diesmal ist eben doch vieles anders, 122 Jahre nach der Geburtsstunde der IAA im Hotel „Bristol“ in Berlin, Unter den Linden, veranstaltet vom „Mitteleuropäischen Motorwagenverein“ und schlicht „Automobil-Revue“ genannt. Mit immerhin acht Motorwagen (!) von Benz, Daimler, Kühlstein und Lutzmann ging man damals fast verstohlen an den Start, konnten die Menschen der motorisierten Fortbewegung doch nicht viel abgewinnen.

Kühlstein baute übrigens neben Karosserien und Kutschen teilweise auch (schon) Elektrofahrzeuge (wie im Bristol damals ausgestellt), ging allerdings 1926 in die Insolvenz (gegründet schon 1833 von Eduard Kühlstein). Friedrich Lutzmann stellte zwei Motorwagen aus, weswegen die Gebrüder Opel 1899 seine gesamte Dessauer Motorwagenfabrik aufkauften. Als Direktor der Opel- Fahrzeugwerke brachte er mit dem Patentmotorwagen „System Lutzmann“ den ersten Opel auf die (wie auch immer geartete) Straße.

Lange ist das her und gerade für Opel hat sich in der Zwischenzeit viel ereignet. Doch Opel ist tatsächlich auf dieser IAA präsent und hält damit die Fahne des PSA-Konzerns hoch, glänzen doch die anderen Aushängeschilder Peugeot, Citroën und DS mit vornehmer Abwesenheit. Irgendwie sind sie dann doch präsent mit Testwagen, aber eben nicht mit einem eigenen Stand. Ob so ein Vorgehen aufgeht, bleibt abzuwarten. Es sieht eher nach einem Testballon aus, wobei die Branche ja sowieso die dritte Dimension im Auge hat …

Man nimmt die vielen Meldungen über Opel dort jedenfalls sehr sportlich und hat sich werbewirksam der Dienste eines gewissen Jürgen Klopp versichert, der dafür auch eigens aus Liverpool angereist war. Keine schlechte Idee, denn hier sieht man ihn sonst nur noch bei Siegen gegen deutsche Mannschaften in der Champions League. Und eigener Aussage nach ist er mit seinem „Insignia“ der einzige Rechtslenker von Opel in England. Wird das tatsächlich nach einem Brexit noch möglich sein?

Volkswagen wollte dem in nichts nachstehen und setzte sogar noch einen drauf. Nicht nur konnte man sich an einem „Kicker“ eine Abfuhr gegen einen Meister seines Fachs einholen, nein die wahre Prominenz wurde von Herbert Diess, dem VW-Chef, persönlich in Empfang genommen. Da marschierten dann Jogi Löw und Oliver Bierhoff sichtlich erleichtert von hinten in den VW-Stand, denn glücklicherweise hatte Deutschland am Abend zuvor in Belfast 2:0 gegen Nordirland gewonnen, drei Tage zuvor aber 2:4 zu Hause gegen die Niederlande bei der EM-Qualifikation verloren. Bei zwei Niederlagen hätte man sich da schon etwas einfallen lassen müssen, um den „Spirit“ zu waren. Löw versuchte denn auch, den positiven Kampfesgeist auf die Entwicklung von VW zu übertragen, gerade was den zum ersten Mal vorgestellten vollelektrischen ID.3 angeht. Daraus soll ja eine ganze Familie mit beispielsweise ID. Buzz, ID. Vizzion oder ID. Crozz entstehen.

Überhaupt hat man bei einer Begehung der Messehallen immer wieder den Eindruck, dass das Einzige, was hier wirklich Bestand hat, der Wille zur Veränderung ist. Und überall schlagen mehrere Herzen in den Autobrüsten. Das betrifft natürlich erst mal die Antriebstechnik. Verbrenner, Elektro, Brennstoffzelle oder Hybrid? Wer viele Fragen stellt, bekommt manchmal genauso viele Antworten. Schlauer ist man dann häufig aber nicht wirklich, denn alles klingt überzeugend, es kann aber alles so nicht funktionieren. Schließlich bleibt man ob der überall dargebotenen Zukunftsprognosen relativ ratlos zurück.

Elektro bekommt man aber nicht mehr aus dem Kopf. Ist es jetzt so weit? Sollte man die IAA in EAA umbenennen? Die Nutzer reagieren nach wie vor verhalten. Die Zukunft lässt dann dort doch noch etwas auf sich warten, und die Plug-in-Hybride werden auf den Schild gehoben. Als Übergangslösung sozusagen. Wo es dann weiter hingeht, bleibt den Spekulationen überlassen.

Gleichzeitig bekommt man aber das Angebot an PS-Boliden und SUV nicht aus dem Sinn. Überall stehen sie, mehr bewundert als die Ökofahrzeuge. Porsche versucht ja schließlich den Spagat mit dem wirklichen beeindruckenden vollelektrischen Taycan. Zuschauer hat er zuhauf, wenn denn alles so einfach wäre …

Da hilft dann ein Gang in Halle 4.0 (!), wo das Herz tatsächlich höher schlägt und man sich nach dem ganzen prognostischen Wirrwarr geradezu geerdet fühlt. Da steht man dort mit Tränen in den Augen (und Ohren!) vor den röhrenden Schätzchen der Automobilhistorie, förmlich erstarrt, und man mag seinen optischen wie akustischen Sensoren nicht trauen. Sie sind nun mal bestechlich, unsere Sinne, anders als die gefühllosen durchprogrammierten Kollegen aus den Techniklabors, die sich nicht an die goldenen Zeiten der motorgetriebenen Fortbewegung erinnern (können).

Unter dem Motto „IAA Heritage by Motorworld“ wird jede Menge rund um das „rostigste Hobby der Welt“ gezeigt. Ein Rundgang zeigt einem zumindest, wie schnell die Technik in den letzten hundert Jahren voranschritt, verglichen mit heute unvorstellbar. Der Blick auf die Geschichte jedenfalls lässt einen eigentlich nur erahnen, welcher Wirbelsturm seinerzeit nach anfänglichem Stottern über der mobilen Welt entfacht wurde. Lange Zeit dachte man nur über das immer anmutigere „Äußere“, das Design, und immer kräftigere „innere“ Werte und deren markerschütternden Sound nach, die Steigerungen waren im Zweijahresrhythmus nahezu greifbar. Bezeichnenderweise findet das Ganze in der Halle 4.0 statt, was bei jedem Logistiker sofort mit „Logistik 4.0“ die vielbeschworene „vierte industrielle Revolution“ auf den Plan ruft. Na ja, vielleicht steckt da dann doch ein tieferer Plan hinter …

Bei den Neuheiten gehörte Geheimniskrämerei eigentlich auch schon immer zum Konzept. Man wollte sich vorher natürlich nicht in die Karten, oder besser Autos, schauen lassen, um die Spannung zu erhöhen. Nun ist das bei der Größe der zur Rede stehenden Objekte oftmals recht schwierig. Schwieriger jedenfalls als beispielsweise bei Apple, wo jedes Jahr in Cupertino bei der „Apple Keynote“ die bis zu dem Zeitpunkt hochgeheimen Entwicklungen der weltweiten Fangemeinde präsentiert werden. Trotzdem sickern hier und dort (natürlich), wenn auch gerüchteweise, Informationen durch, die die Aufmerksamkeit nochmals triggern (sollen).

Die Triade der Schwerpunkte der zukünftigen Bestrebungen und Entwicklungen besteht eindeutig aus Elektromobilität, Automatisierung und Vernetzung, manchmal werden Services als vierte Größe hinzugerechnet. Wenn dem so ist, ist die ernsthafte Konkurrenz der IAA tatsächlich eher bei der führenden Elektronikmesse CES (Consumer Electronics Show) in Las Vegas zu suchen als bei anderen großen Automessen. Die CeBIT hat gezeigt, wie man mit nicht mehr zeitgemäßen Angeboten untergehen kann. Eine Orientierungskorrektur der IAA wäre daher tatsächlich angebracht, um auch gegen diese Wettbewerber bestehen zu können.

Es gibt aber auch Entwicklungen, die hoffen lassen. So weiß man in Frankfurt offensichtlich, dass die Zukunft weiter weg ist, als man denkt. Und daher versucht man nun mit der „Kids World“ die Verkehrsteilnehmer der übernächsten Generation einzufangen. Ein kluger Gedanke, doch ob die Kleinen sich nach einer Klassenfahrt oder einem Familienbesuch auf der IAA so früh schon überzeugen lassen, ist zumindest fraglich. Die junge Generation beginnt ja gerade, eine eigene Sicht auf die wichtigen Fragen der Welt zu entwickeln. Und Mobilität gehört in jedem Falle dazu.

In diese Richtung war auch mal die im Jahr 2015 eingerichtete „New Mobility World“ geplant. Hier soll eine Plattform für „interdisziplinäre“ Diskussionen zur Findung von Zukunftslösungen geschaffen werden. Hier taucht immer häufiger da Schlüsselbegriff „urbane Mobilität“ auf. Sie soll sauber, vernetzt und natürlich automatisiert sein.

 Jenseits der Messe tauchen zu dem Thema dann allerdings verstörende Meldungen in Form von Studien auf, die beispielsweise Carsharing als Nischenphänomen einstufen oder einen Verkehrszuwachs durch autonome Fahrzeuge in den Städten prognostizieren (der ÖPNV würde gleichzeitig verlieren). Auch der Erfolg der SUV ist da nicht besonders hilfreich. Allerdings muss man auch sagen, dass der Besucheransturm zu diesem Themenbereich eher einem lauen Lüftchen ähnelte, trotz Umzug von Ebene eins auf Parterre. Eigentlich nirgendwo konnte man so ruhig entspannen wie dort.

Eines ist mir dann aber doch noch aufgefallen. Bei Weitem vorherrschend waren Männer in dunklen Anzügen und auch viele Frauen in Schwarz. Ist man einmal sensibilisiert, lässt es einen nicht mehr los. Man könnte da auf Gedanken kommen. Irgendwie anders war es auf jeden Fall.

 

AUTOR

PROFESSOR DR. MICHAEL SCHRECKENBERG, geboren 1956 in Düsseldorf, studierte Theoretische Physik an der Universität zu Köln, an der er 1985 in Statistischer Physik promovierte. 1994 wechselte er zur Universität Duisburg-Essen, wo er 1997 die erste deutsche Professur für Physik von Transport und Verkehr erhielt. Seit mehr als 15 Jahren arbeitet er an der Modellierung, Simulation und Optimierung von Transportsystemen in großen Netzwerken, besonders im Straßenverkehr, und dem Einfluss von menschlichem Verhalten darauf. Seine aktuellen Aktivitäten umfassen Onlineverkehrsprognosen für das Autobahnnetzwerk von Nordrhein-Westfalen, die Reaktion von Autofahrern auf Verkehrsinformationen und die Analyse von Menschenmengen bei Evakuierungen.

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