PDF DOWNLOAD

Fragt man jemanden nach der Bedeutung von Infrastruktur, würde dieser vor allem das Straßen- und Verkehrswegenetz nennen. Zwar greift dieses Verständnis von Infrastruktur etwas zu kurz, weil auch beispielsweise Glasfaserkabel für schnelles Internet oder die Kanalisation dazu zählen, aber es verdeutlicht den Stellenwert, den die Mobilitätsinfrastruktur für den deutschen Staat hat. Besonders als Exportnation und aufgrund der geopolitischen Lage mitten in Europa sind die Verkehrswege immens wichtig. Da kann man es fast schon bedauern, dass die neue Bundesregierung aus Union und SPD die Ausgaben für den Verkehr laut dem Koalitionsvertrag nur „mindestens auf dem heutigen Niveau fortführen“ wird.

Doch wie so oft gibt es zwei Seiten der Medaille. Denn wer allzu sehr nach mehr Geld für die Verkehrswege verlangt, muss auch die Konsequenzen bedenken. Für das langfristige Ziel freie Fahrt auf allen Wegen müssen zunächst erhebliche Einschränkungen in Kauf genommen werden. Beispielsweise plant die Bahn in NRW umfangreiche Baumaßnahmen über die nächsten zehn Jahre. Verspätungen und Zugausfälle sind da vorprogrammiert. Auch beim Straßenbau sind durch Baumaßnahmen kurzfristig Staus und Umleitungen die Folge. Viele Projekte werden zudem einfach auch nicht fertig, man denke beispielsweise an den Flughafen Berlin oder den Hauptbahnhof in Stuttgart. Jedes der genannten Beispiele soll eigentlich zu einer Verbesserung der Verkehrssituation beitragen, in ihrer Entstehungsphase verschlimmern sie meist jedoch die Gegebenheiten. Eine gut funktionierende Infrastruktur kann eben nicht von jetzt auf gleich errichtet werden. Es bedarf dazu einer guten Koordination der Projekte und einer vorausschauenden Planung über Jahrzehnte.

Gleiches gilt übrigens auch für eine öffentliche Ladeinfrastruktur für Elektroautos (S. 100), auch diese kann nur sukzessive ausgebaut werden. Immerhin hat die Bundesregierung in ihrem Koalitionspapier eine konkrete Zielvorgabe formuliert: Bis 2020 sollen mindestens 100.000 neue Ladepunkte für Stromer in Deutschland hinzukommen. Das wäre ein deutlich schnellerer Anstieg, als der, den das herkömmliche Tankstellennetz zwischen 1925 (950 Tankstellen) und seinem bisherigen Höhepunkt 1939 (ca. 60.000 Tankstellen) hingelegt hat. 2017 gab es in Deutschland übrigens 14.510 Tankstellen, darunter war auch bereits die ein oder andere mit einer Stromzapfsäule (S. 94). Dabei ist es aufgrund längerer Ladezeiten gar nicht zwingend notwendig, an einer klassischen Tankstelle zu tanken. Da Strom angesichts der dichten Bebauung fast überall fließt, bietet sich auch das Tanken auf dem Firmenparkplatz oder in der heimischen Garage an (S. 102). Denn dort steht das Fahrzeug die meiste Zeit ohnehin nur rum. Hier ist die größte Herausforderung, alle Anschlüsse mit genügend Strom zu versorgen und ein kluges Lastmanagement zu etablieren. Es zeichnet sich bereits jetzt schon ab, dass zwei Stromtanksysteme, öffentlich und privat oder besser zentral und dezentral, nebeneinander existieren werden. Bei dem Thema Dienstwagenmobilität stellt sich dann natürlich zwangsweise die Frage nach der Abrechnung der Ausgaben für den Strom. Bisher waren die Kosten für den Kraftstoff relativ einfach über Tankkarten abzurechnen (S. 96). Das geht natürlich auch weiterhin, doch lässt sich damit auch Strom tanken – und wenn ja wo?

Die Antriebspluralität beim Individualverkehr ist jedoch nur einer von mehreren großen Trends, die die Automobilindustrie und alle damit im Zusammenhang stehenden Branchen derzeit stark beeinflussen. Oft wird im Zuge der Elektromobilität auch die Digitalisierung genannt. Zwei Entwicklungen, die sich in manchen Punkten überschneiden. So können Apps beispielsweise den Weg zur nächsten Ladesäule weisen oder die Bordcomputer der Fahrzeuge die Reichweite anhand von aktuellen Verkehrs- und Topographiedaten genauer errechnen. Fahrzeuge können dank digitaler Datenübertragung miteinander kommunizieren, genauso wie mit der Infrastruktur. Die Entwicklung der Car-to-Car- und der Car-to-X-Kommunikation ist dabei zwar noch ganz am Anfang, aber elementar wichtig für das autonome Fahren. Was in manchen Fällen unabhängig von der Antriebsart schon ganz gut funktioniert, ist die Parkplatzsuche via App (S.104). Auch die Bezahlung von Parkkosten kann in manchen Städten schon per Smartphone erledigt werden. Eine Möglichkeit, die jedoch bislang nur von wenigen genutzt wird.

Angesichts von Staus und Umweltproblemen werden auch immer stärker Alternativen zum Dienstwagen gesucht (S. 106). Neben Diensträdern ist vor allem die Bahn Konkurrent Nummer eins, aber auch Carsharing nimmt an Bedeutung zu. Wer an einem gut vernetzten Verkehrsknotenpunkt wohnt, kann sehr viel günstiger mit Bahncard und Jobticket zum Arbeitsplatz oder Termin gelangen. In manchen Städten stand ja sogar die Einführung eines kostenlosen ÖPNVs im Raum. Die Idee kam Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD), Verkehrsminister Christian Schmidt (CSU) und Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) im Zuge einer drohenden Klage vor dem Europäischen Gerichtshof aufgrund von Vertragsverletzungen wegen zu hoher Stickoxidwerte in einigen deutschen Städten. Aufgrund der sehr hohen Kosten und einiger Umsetzungsschwierigkeiten lehnten die Kommunen diesen Vorschlag jedoch ab.

Es ist trotz allem nicht so, dass der Nahverkehr den Individualverkehr ersetzen soll. Es geht nicht, entgegen der Meinung so mancher Skeptiker, um die Abschaffung des Pkw oder die einseitige Förderung des ÖPNV. Wenn mehr Menschen auf Fahrrad, Bus und Bahn umsteigen, ist mehr Platz für die, die mit dem Pkw unterwegs sein müssen, und Umweltprobleme sind dann auch leichter in den Griff zu bekommen. Somit könnten auch die immer wieder diskutierten Fahrverbote in Innenstädten verhindert werden, was auch ein Anliegen der Regierung war, den Vorschlag des kostenlosen Nahverkehrs zu machen. Der Geschäftsreisende möchte in den meisten Fällen möglichst schnell und effizient von A nach B kommen. Am besten funktioniert dies mithilfe eines Mobilitätsmixes. Das Verkehrsmittel sollte demnach nach Strecke und Fahrtzweck angepasst werden. Um herauszufinden, welche Kombination aus Fußweg, Fahrrad, Bahn und Carsharing einen am schnellsten zum Ziel bringt, kann man sogenannte Mobilitäts-Apps nutzen. Wie gut diese bereits heute funktionieren, haben wir im Selbstversuch getestet (S. 108).

Fazit
Die Mobilitätsinfrastruktur befindet sich derzeit im Wandel, das Angebot wird vielfältiger und die Vernetzung nimmt zu. Doch nicht alles scheint auf dem richtigen Weg zu sein. Probleme in Sachen Infrastruktur sind unter anderem bei der Anbindung des ländlichen Raums und bei der Konkurrenz um Platz und Förderung der verschiedenen Mobilitätsarten innerhalb der Städte zu suchen. Für die Firmenmobilität ist die Entwicklung der alternativen Antriebe interessant, dabei sollte der Fuhrparkleiter aber vor allem die Versorgungsstrategien im Blick haben und weniger die Fahrzeuge.