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Flottenmanagement: Frau Bendiek, Sie sind seit Anfang 2016 Geschäftsführerin bei Microsoft Deutschland. Wie hat sich das Unternehmen seitdem verändert?

Sabine Bendiek: Microsoft hat sich in den letzten Jahren praktisch neu erfunden. Als Satya Nadella 2014 neuer CEO wurde, hat er einen radikalen Wandel angestoßen, der bis heute andauert. Sein Credo lautet: „Our industry does not respect tradition, it only respects innovation.“ Sprich, um den Wandel nicht nur zu erkennen, sondern ihn auch aktiv zu gestalten, müssen wir zu jeder Zeit bereit sein, alte Erfolgsrezepte über den Haufen zu werfen. Und das haben wir getan. Hat Microsoft früher in erster Linie vom Verkauf von Betriebssystemen für Server und PCs und Office-Programmen gelebt, so bieten wir heute Softwarenutzung als Dienstleistung über das Internet an, Rechenleistung und Speicherplatz inklusive. Unser Geschäftsmodell bewegt sich immer mehr weg vom klassischen PC hin zu einer geräteunabhängigen Softwareplattform, die dank der Cloud überall nahtlos funktioniert. Gleichzeitig haben wir uns als Unternehmen geöffnet und unsere Produkte und Lösungen auf möglichst vielen Plattformen verfügbar gemacht.

Flottenmanagement: Viele Menschen denken bei Microsoft immer noch zuerst an Windows oder Office – zu Recht?

Sabine Bendiek: Windows und Office sind immer noch wichtige Bestandteile unseres Angebots – allerdings kommen sie heute meistens aus der Cloud und sind eng mit vielen anderen Services von Microsoft verknüpft. Wir selbst denken heute weniger in einzelnen Produkten oder auch Produktkategorien als vielmehr in Lösungen für die Probleme unserer Kunden – auch das ist Teil unseres Wandels. Wir fokussieren stark auf die Entwicklung der intelligenten Cloud als Plattform, auf der unsere Kunden und Partner Services entwickeln können – zum Beispiel im Bereich von IoT und Industrie 4.0 wie etwa der Fahrzeugvernetzung. Wir investieren außerdem stark in die Entwicklung künstlicher Intelligenz, mit der wir alle unsere Produkte anreichern und die wir über offene Schnittstellen für möglichst viele Entwickler und Anwender nutzbar machen. Wir arbeiten gleichzeitig daran, die Interaktion mit Endgeräten noch intuitiver zu gestalten, zum Beispiel über Sprache im Bereich digitaler Assistenten – auch hier spielt wiederum künstliche Intelligenz eine große Rolle. Und mit Microsoft HoloLens sind wir zudem führend im Bereich der Mixed Reality.

Flottenmanagement: Sie betonen immer wieder, dass Sie sich als Partner in der digitalen Transformation verstehen. Was genau ist damit gemeint?

Sabine Bendiek: Wir unterstützen Unternehmen aller Größen und Branchen dabei, intelligente Systeme rund um ihre Kunden, Mitarbeiter, Prozesse und Produkte aufzubauen. Die Firmen stehen beispielsweise vor der Herausforderung, ihre Kunden stärker an sich zu binden – mit unseren Analytics-Diensten lernen sie ihre Kunden besser kennen und können ihnen maßgeschneiderte Lösungen anbieten. Unternehmen müssen ihre Mitarbeiter unterstützen – unsere Tools machen Zusammenarbeit im Team flexibler und produktiver. Unternehmen müssen Prozesse verschlanken und beweglicher werden, sie müssen Innovationen schneller auf den Markt bringen und ihre Geschäftsmodelle digitalisieren und auch dabei unterstützen wir sie mit unseren Lösungen. All das funktioniert am besten über die Cloud – diese Erkenntnis hat sich in den letzten Jahren auch in Deutschland durchgesetzt. Kurz: Wir sehen die digitale Transformation als Chance, um gemeinsam mit unseren Kunden neue Werte zu schaffen.

Flottenmanagement: Was bedeutet denn die digitale Transformation speziell für den Bereich Automotive?

Sabine Bendiek: Die Automobilbranche steht vor gewaltigen Veränderungen, die ein radikales Neudenken verlangen. Auf der Basis digitaler Technologien entstehen neue Geschäftsmodelle, die sämtliche gelernten Spielregeln über den Haufen werfen. Aktuelle Trends wie Carsharing oder Ride-Hailing sind erst der Anfang. Die Vernetzung der Autos untereinander, mit anderen Verkehrsmitteln und mit der sie umgebenden Infrastruktur wird zur Basis für eine Vielzahl disruptiver Angebote. Die Entwicklung von Elektromobilität auf der einen und voll autonomer Fahrzeuge auf der anderen Seite wird zum Katalysator für eine Mobilitätsrevolution, deren Folgen für die Automobilbranche, aber auch für die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft heute noch kaum absehbar sind.

Flottenmanagement: Automatisiertes Fahren ist eine gewaltige technologische Herausforderung. Welche Parameter müssen zusammenspielen, damit die Fahrzeuge tatsächlich selbstständig fahren?

Sabine Bendiek: Das Thema ist tatsächlich hochkomplex. Voraussetzung sind Kameras und Radarsensoren, die ein zuverlässiges Bild von der Umgebung liefern, ein hochpräzises und möglichst in Echtzeit aktualisiertes digitales Kartenmaterial sowie eine möglichst vollständig vernetzte Verkehrsinfrastruktur. Dazu kommt eine künstliche Intelligenz, die all diese Informationen auch zuverlässig interpretieren kann, und natürlich die entsprechende Rechenleistung aus der Cloud. All das kann kein Unternehmen allein stemmen. Entsprechend sehen wir eine Vielzahl unterschiedlichster Partnerschaften in diesem Bereich. Auch Microsoft engagiert sich in verschiedenen Kooperationen gemeinsam mit Unternehmen aus der Technologie- und der Automobilbranche. Zuletzt haben wir eine erweiterte Partnerschaft mit dem chinesischen Unternehmen Baidu geschlossen und beteiligen uns an der Entwicklung der offenen Plattform für autonomes Fahren, Apollo.

Flottenmanagement: Google und Apple entwickeln bereits eigene Autos. Hat Microsoft ähnliche Pläne in der Schublade?

Sabine Bendiek: Nein, auf keinen Fall. Wir arbeiten zwar hart daran, dass in Zukunft jedes Fahrzeug Microsoft-Technologie an Bord hat, aber wir werden sicher nicht zum Autobauer. Das würde auch nicht zu unserem Selbstverständnis passen: Wir sind Partner der Autoindustrie, nicht Wettbewerber. In diesem Sinne wollen wir gemeinsam mit OEMs und Zulieferern die Mobilität der Zukunft entwickeln.

Flottenmanagement: Wie sehen Ihre Angebote an die Automobilbranche konkret aus?

Sabine Bendiek: Für die Entwicklung vernetzter Fahrzeuglösungen haben wir eigens eine sichere und skalierbare Cloud-Plattform, die „Connected Vehicle Platform“, geschaffen. Sie hilft Fahrzeugherstellern dabei, die nächste Generation vernetzter Fahrzeuge zu entwickeln. Dafür sehen wir vier zentrale Hebel: erstens Telematik und prädiktive Dienste. Hierunter fällt zum einen die Entwicklung ganz neuer Fahrerlebnisse und zum anderen neue Dienste wie beispielsweise die vorausschauende Wartung. Im Bereich Produktivität und digitales Leben geht es darum, Produktivitätslösungen wie Skype und Cortana ins Auto zu integrieren, um einerseits die Zeit im Auto produktiv zu nutzen und andererseits die Ablenkung des Fahrers durch Sprachsteuerung zu minimieren. Der dritte Hebel sind fortschrittliche Fahrerassistenzsysteme, die Straßen- und Umgebungsinformationen in Echtzeit bereitstellen. Und viertens geht es um eine erweiterte Navigation für kontextbewusste Streckenführung und dynamische Standortdienste, wie zum Beispiel Geofencing.

Flottenmanagement: Mit welchen Automobilherstellern arbeiten Sie bereits zusammen? Und welche Lösungen sind bisher entstanden?

Sabine Bendiek: Wir haben bereits eine ganze Reihe von Kooperationen mit namhaften Automobilherstellern weltweit. Mit der französisch- japanischen Renault-Nissan-Allianz haben wir beispielsweise schon 2016 eine umfassende Partnerschaft vereinbart. Gemeinsam wollen wir in den kommenden Jahren Technologien und Services rund um das „Connected Car“ weiterentwickeln. Es geht zum Beispiel um verbesserte Navigationsanwendungen und Tools für das Überwachen von Fahrzeugfunktionen und für die vorausschauende Wartung sowie um regelmäßige Updates der Systeme. Eine Herausforderung für die Automobilbranche sind ja die extrem unterschiedlichen Lebenszyklen von Autos und Digitaltechnologie. Die Lösung ist hier, Software nicht über fest verbaute Chips in die Autos zu integrieren, sondern aus der Cloud zu beziehen. So baut der persönliche digitale Mobilitätsassistent, BMW Connected, auf der Microsoft Cloud- und Datenplattform Azure auf. Für mehr Produktivität und Flexibilität im Fahrzeug sorgt die Integration von Produktivitätslösungen wie Microsoft Exchange und ab sofort auch die Verfügbarkeit von Skype for Business aus der „Office 365“-Familie.

Flottenmanagement: Vernetzte Fahrzeuge generieren ja auch eine Fülle von Daten. Wie lassen sich diese sinnvoll nutzen?

Sabine Bendiek: Zum Beispiel zur Verbesserung der Sicherheit. So hat der Technologiespezialist Bertrandt im September auf der IAA eine Lösung auf Basis von Azure vorgestellt, die Staus, Tempolimits oder Straßenschäden mithilfe von Sensoren an Fahrzeugen erkennt, analysiert und dann an nachfolgende Fahrzeuge übermittelt, die entsprechend ihr Tempo und ihre Fahrwerksabstimmung automatisch anpassen. Ein anderes Feld ist die Verbesserung des Nutzererlebnisses. Die intelligente Kombination von Navigations- und Benutzerdaten liefert ganz neue Einblicke in das Verhalten von Kunden. Diese können wir nutzen, um ihnen individualisierte Angebote zu machen und so die Markentreue nachhaltig zu steigern. Und mittels Machine Learning können sich Autos ihren Nutzern mit der Zeit immer besser anpassen. Je nach Präferenz wird ein Fahrer dann zum Beispiel entweder immer zur günstigsten Tankstelle gelotst oder zu der mit den besten Croissants.

Flottenmanagement: 2016 hat Microsoft die HoloLens präsentiert. Wo kommt die Mixed-Reality- Brille im Bereich Automotive heute schon zum Einsatz?

Sabine Bendiek: Zum Beispiel im Automobildesign. Einige Hersteller wie Ford oder VW nutzen Mixed-Reality-Anwendungen bereits, um Änderungen im Design neuer Fahrzeugmodelle in Echtzeit zu visualisieren. Der Vorteil: Auch Designer, die sich physisch an ganz unterschiedlichen Orten befinden, können gleichzeitig an ein und demselben Objekt arbeiten. Diverse Einsatzmöglichkeiten werden auch schon in der Fertigung erprobt. Hier kann das Einblenden von Zusatzinformationen über Microsoft Holo- Lens Produktionsabläufe deutlich verbessern. Gleichzeitig machen die intelligenten Brillen eine direkte Vernetzung mit der Produktionsplanung und Qualitätssicherung möglich. Erste Erfahrungen wie zum Beispiel bei Volvo zeigen, dass dadurch Fehlerquoten deutlich reduziert werden können. Aber auch im Vertrieb setzen Automobilhersteller die Technologie bereits ein – zum Beispiel, um Kunden neue Fahrzeuge anschaulich zu erklären. Virtuelle Inhalte können leicht durch Gestensteuerung auf ein Fahrzeug übertragen werden. Ein Fingerzeig genügt und sofort sieht der potenzielle Käufer sein Lieblingsmodell in einer anderen Lackfarbe oder erlebt die optische Wirkung alternativer Sitzbezüge.

Es ist denkbar, dass es bald statt klassischer Autohäuser zunehmend Mixed-Reality-Showrooms geben wird, in denen Interessenten ihr Auto persönlich konfigurieren und – virtuell – Probefahren können.