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Die vielen Funktionen und Anwendungen machen das Mobiltelefon zum Schweizer Taschenmesser des 21. Jahrhunderts. Für fast alle Lebensbereiche und Problemstellungen gibt es eine App. Auch die Liste an praktischen Anwendungen für Autofahrer ist umfangreich und wächst ständig. Darunter sind beispielsweise Programme zur Navigation, Geschwindigkeitswarner, Blitzerwarner, Apps zu Service- und Wartungsinformationen des Fahrzeugs oder eine mobile Tankstellensuche. Daneben gibt es auch Anwendungen, die zwar nicht speziell für die Fahrt mit dem Pkw konzipiert sind, aber dennoch häufig während des Fahrens genutzt werden können. Dazu zählen neben der Telefonie auch Messenger-Funktionen via Spracheingabe oder verschiedene Musik- Streaming-Dienste. Eine sinnvolle Integration des Smartphones in den Pkw sollte demnach den mobilen Alleskönnern ermöglichen, unabhängig von der Fahrzeugklasse, ein personalisiertes Infotainmentsystem im Fahrzeug einzurichten.

So weit die Idee, doch wie sieht es mit der Umsetzung aus? Hierbei stellen sich verschiedene Herausforderungen in den Bereichen Halterung, Konnektivität und Kompatibilität sowie Darstellung. Eine Halterung für die gängigen Smartphone- Modelle zu finden, ist ein verhältnismäßig leichtes Unterfangen. Daher ist die Unterbringung im Cockpit des Fahrzeugs in der Nähe von USB-Schnittstellen oder Zigarettenanzündern zum Laden der Geräte in der Regel kein Problem. Wer möchte, kann beispielsweise durch den Einbau eines induktiven Pads von Wollnikom die Funktionalität der Ablage noch erhöhen.

Wer passt zu wem?
Anders sieht es da schon bei der Kompatibilität aus. Auf dem Smartphone-Markt kämpfen mit Apple, Google und Microsoft drei Giganten um die Vorherrschaft im Bereich der Betriebssysteme. Bislang sind es vor allem Apple und Google, die den Markt beherrschen. Wer sich für ein neues Mobiltelefon entscheidet, steht daher immer vor der Frage: Android oder iOS oder doch Windows? Dass sich diese Frage auch einmal für den Kauf eines neuen Pkw stellen könnte, war vor Jahren noch nicht abzusehen. Natürlich spielen weiterhin andere Faktoren bei der Beschaffung eines neuen Flottenfahrzeugs eine wichtige Rolle, doch eine reibungslose Integration des eigenen Mobiltelefons in den Neuwagen dürfte gerade auch im Fuhrparkbereich unter den Außendienstlern immer attraktiver werden. Eine internationale Studie des Managementberatungs- und Technologie-Dienstleisters Accenture hat überraschende Umfrageergebnisse zutage gebracht, wonach die Bedeutung von Infotainment im Fahrzeug immer wichtiger wird. Demnach sind Lösungen für das multimediale Fahrzeug wie Infotainment-, Navigations- und Fahrassistenzsysteme sowie die Einbindung von Smartphones für zwei Drittel aller Befragten wichtiger als die Fahrleistungen. Nahezu jeder zweite Autofahrer in Deutschland richtet seine Kaufentscheidung beim Neuwagenkauf eher an elektronischen Assistenz-, Informations- und Entertainmentsystemen aus als an Hubraum, Pferdestärken oder Verbrauch.

Dies haben Audi, General Motors, Google und Hyundai erkannt und gemeinsam auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas die Gründung der Open Automotive Alliance (OAA) bekannt gegeben. Im Juni sind auch Volkswagen, die seit 2009 mit Google zusammenarbeiten, und der schwedische Autobauer Volvo der OAA beigetreten. Ziel des Konsortiums ist es, Android- Geräte besser im Infotainmentsystem des Fahrzeugs einzubinden. Bis Ende des Jahres sollen die ersten Fahrzeuge mit neuer Android-Technologie auf den Markt kommen. Beispielsweise werden im neuen Volvo XC90, der im Oktober vorgestellt wird, bereits weitreichende Android-Anwendungen auf einem tabletartigen Touchscreen wiedergegeben. Schon jetzt basieren viele Dienste von integrierten Navigationssystemen auf Google Earth und Google Street View. Seit diesem Jahr werden beispielsweise alle neuen Fahrzeuge von Toyota, die mit dem Navigationssystem Touch&Go ausgerüstet sind, auch auf die Services des amerikanischen Internetunternehmens zugreifen können. So kann zum Beispiel die Parkplatzsituation am Zielort bereits vor der Ankunft geprüft werden und gegebenenfalls eine Alternative herausgesucht werden.

Im Gegenzug stellte Apple bei der Präsentation der neuen C-Klasse von Mercedes-Benz in Genf mit CarPlay ein neues iOS-Feature vor. Damit kann die persönliche Benutzeroberfläche des eigenen iPhones auf dem Bordmonitor des Fahrzeugs angezeigt werden. Nur wenige Apps werden nicht abgebildet, weil diese vom Fahren ablenken könnten. Mit der Sprachsteuerung Siri kann der Nutzer während der Fahrt auf Kontakte, Nachrichten, Musik und sonstige Inhalte zugreifen oder Kurzmitteilungen diktieren sowie Anrufe tätigen. Zunächst ist das Feature des kalifornischen Hard- und Softwareunternehmens nur in der C-Klasse erhältlich, doch auch weitere namhafte Automobilhersteller wie beispielsweise BMW, Hyundai, Mitsubishi oder Toyota wollen das Infotainmentsystem in kommenden Modellserien einführen.

Doch die Integration des Mobiltelefons ins Fahrzeug ist nicht ganz so einfach wie es sich zunächst anhört. Herausforderungen wie Anwenderfreundlichkeit, Ablenkungsfaktor oder Datenschutz müssen gemeistert werden. Prof. Dr. Ulrich Hackenberg, Vorstand Technische Entwicklung der Audi AG, erklärt daher: „Wichtige Parameter bei deren Integration sind Anwenderfreundlichkeit und geringe Ablenkung. Zudem spielt die Datensicherheit eine zentrale Rolle. Wir trennen die fahrzeugbezogenen Funktionen von den Infotainment-Umfängen und sichern so die Daten vor unbefugtem Zugriff. Der Kunde muss der Verwendung von Daten, die im Auto erzeugt werden, ausdrücklich zustimmen.“ Bereits ab 2015 werden die neuen Funktionen in das Audi Multi Media Interface integriert.

Anwendungsbeispiel Die Bemühungen von Google und Apple zielen darauf ab, die immer leistungsfähigeren Mobiltelefone noch stärker im Fahrzeug zu integrieren. Der Vorteil gegenüber Infotainmentsystemen ist, dass mit dem Smartphone bereits ein potenzielles System vorhanden ist. Zwar können auch verschiedene Apps auf die Infotainmentsysteme geladen werden, doch das Smartphone ist bereits von vornherein auf die individuellen Bedürfnisse des Nutzers zugeschnitten. Die im Fahrzeug verbauten Geräte dienen in diesem Fall nur als Wiedergabemedium und sind dementsprechend günstiger als ein herstellerabhängiges Infotainmentsystem. Dies macht die Smartphone-Integration potenziell auch für kleinere Fahrzeugklassen interessant.

Diesen Vorteil scheint man in Rüsselsheim sehr früh erkannt zu haben und spendierte dem Opel Adam ein Multimediasystem, das gemeinsam mit dem Mobiltelefon des Fahrers viele interessante Features umsetzen kann. Mithilfe von Intelli- Link wird die Benutzeroberfläche des Smartphones (Android, iOS, Windows) auf einen Sieben- Zoll-Touchscreen im Fahrzeug übertragen. Die Menüführung des eigenen Mobiltelefons bleibt somit erhalten, und es kann auf dessen gespeicherte Inhalte wie Musik, Videos oder Bilder zurückgegriffen werden. Die Besitzer eines iPhones können darüber hinaus noch die Siri Eyes Free Sprachsteuerung nutzen und mit Sprachkommandos während der Fahrt Anrufe tätigen oder SMS schreiben. Auch der neue VW Polo ist als erster Wolfsburger mit einem ähnlichen System ausgestattet. Mit MirrorLink ist es möglich, Anwendungen eines Android-Smartphones auf dem Touchscreen des Kleinwagens zu spiegeln. Die Verbindung wird über eine USB-Schnittstelle realisiert. Apps wie Facebook oder Google Maps können allerdings nicht während der Fahrt bedient werden.

Auch andere Automobilhersteller bieten verschiedene Apps und Smartphone-Anbindungen in ihren Fahrzeugen an. Dabei kann grob zwischen fahrzeugunabhängigen Anwendungen und fahrzeugabhängigen unterschieden werden. Die App für das IntelliLink-System von Opel beispielsweise ist nicht fahrzeuggebunden und kann theoretisch in jedem Adam eingesetzt werden. Bei dem BMW i3 hingegen kommt die BMW i Remote- App zum Einsatz. Diese steht in Verbindung mit dem Fahrzeug, um verschiedene Informationen wie beispielsweise die Reichweite, den Ladezustand oder den Fahrzeugstandort abzurufen, und ist demnach fahrzeuggebunden. Ob fahrzeugunabhängig oder nicht, hängt letztlich von dem Ziel ab, das mit der Anwendung verfolgt wird.

Blick in die Zukunft
Immer „online“ zu sein, auch unterwegs, gehört heute zum Alltag vieler Menschen. Da ist es fast logisch, dass auch das Automobil immer stärker vernetzt wird und neue Möglichkeiten der Unterhaltung und Information geschaffen werden. Die Integration des Mobiltelefons ist dabei eine spannende Lösung, deren Umsetzung in den nächsten Monaten noch viele verschiedene Ansätze hervorbringen wird. Dies vor allem, weil sich Google und Apple mit verschiedenen Kooperationen stärker in die Entwicklung einschalten. Sodass es am Ende bei der Kaufentscheidung vielleicht nicht mehr Mercedes-Benz oder Audi, sondern Apple oder Android heißen wird.