Ob Mobiltelefone, Fernbedienungen oder Pkw – die Form und Funktion von Gebrauchsgegenständen ist über deren Nutzungsdauer weitestgehend festgelegt. Spätestens nach ein paar Jahren erfüllen sie die Ansprüche ihrer Nutzer nicht mehr. Die Hardware wirkt veraltet – und wird ersetzt. Software kann durch regelmäßige Updates immer wieder aufs Neue fit gemacht werden. Für neue Aufgaben. Für neue Nutzungsgewohnheiten. Für höhere Sicherheitsstandards. Damit wird Software zur Frischzellenkur für die traditionelle Elektromechanik – und zu ihrem digitalen Zukunftsmodell.

 

Die Funktion eines Autoschlüssels liegt sprichwörtlich auf der Hand: manuelles Öffnen, Schließen und Starten eines Pkws. In mehr als 140 Jahren Automobilgeschichte hat der Schlüssel über diese Funktion hinaus wenig dazugelernt. Er musste es auch nicht. In der Zwischenzeit – vor allem in den letzten 15 Jahren – haben sich das Verhalten und die Ansprüche der Pkw-Nutzer jedoch stark verändert. Öffnen, Schließen und Starten wird selbstverständlich auch in Zukunft zu den Grundfunktionen der sicheren individuellen Mobilität gehören. Die Form des Schlüssels folgt aber nicht mehr länger allein aus seiner Funktion, sondern aus dem Kundenverhalten. 

 

Kundenverhalten verändert sich

 

Laut einer Statista-Erhebung sind bei den 14- bis 49-Jährigen „Smartphones mit einem Nutzeranteil von über 95 Prozent nicht mehr wegzudenken.“1 Der Deloitte Media Consumer Survey 2018 kommt für die Altersgruppe der 55- bis 74-Jährigen noch auf eine Nutzerquote von 81 Prozent2. Damit gehören Smartphones für den Großteil der kaufkräftigen Zielgruppe von Automobilherstellern, Mietwagenfirmen und Car-Sharing-Anbietern zum täglichen Leben.

 

Die Integration ihrer Endgeräte endet für Fahrzeugnutzer aber häufig dabei, sie per Bluetooth zu koppeln, um die Freisprecheinrichtung zu nutzen oder Musik abzuspielen. Dabei bieten die mobile Internetverbindung, standardisierte Kommunikationsschnittstellen und einfach integrierte Software-Anwendungen ideale Voraussetzungen, um Fahrzeugfunktionen stärker am Nutzerverhalten auszurichten.

 

Smartphone statt Schlüssel

 

Die Liberkee GmbH arbeitet daher an Lösungen, die sich als Nachrüstlösung für Mobilitätsanbieter ebenso eignen wie für völlig neue Einsatzgebiete wie die Gebäudeautomatisierung, Shared Offices oder Remote Maintenance. Die Idee ist die Gleiche: Das Endgerät dient als Schlüssel, mit dem ein Benutzer sich identifiziert, für eine Aktion wie beispielsweise „Tür öffnen“ autorisiert und diese Aktion digital ausführt

 

Diese Funktionalitäten in ein Smartphone oder eine Smartwatch zu integrieren, hat gleich mehrere Vorteile: Ein rein digitaler Schlüssel altert nicht, kann nicht verloren gehen oder gestohlen werden und kann unterschiedlichen Benutzern mit unterschiedlichen Funktionsumfängen zugeteilt werden. Zudem muss der Benutzer kein zusätzliches Gerät (Fernbedienung) oder einen weiteren Schlüssel am Schlüsselbund mit sich führen. Das Smartphone ist Schlüsselbund, Fernbedienung und Informationszentrale in Einem. Und wenn der Nutzer das Smartphone irgendwann austauscht, wird der digitale Schlüssel einfach digital und ohne zusätzliche Kosten auf das neue Gerät übertragen.

 

Die Systemarchitektur ist für alle Anwendungsgebiete ähnlich: Informationen über den gesicherten Zugang (beispielsweise die Fahrzeugtür) und dessen autorisierte Nutzer werden auf einem sicheren Server hinterlegt. Diese Informationen werden verschlüsselt an das Endgerät übertragen. Eine Softwareapplikation in diesem Endgerät visualisiert alle notwendigen Informationen und ermöglicht so, Funktionen wie Öffnen und Schließen digital auszuführen. 

 

Die Anwendung enthält dazu funktionalen Baustein (SDK – Software Development Kit), der die Kommunikation mit dem Cloudservice sowie mit dem zu öffnenden oder schließenden Objekt organisiert. Für jede Aktion erhält das Smartphone zeit- und aktionsgebundene Berechtigungen vom Backend und überträgt diese – je nach technischer Ausprägung – per Bluetooth Low Energy (BLE) oder NFC an das Objekt. Das System funktioniert auch ohne dauerhafte Internetverbindung.

 

Sicherer als Schlüssel oder Fernbedienungen

 

Vereinfacht ausgedrückt: Ein Familienmitglied möchte morgens zur Arbeit fahren. Für dieses Familienmitglied wurden im Backend sowie in einem Nachrüstmodul des Fahrzeugs kryptografisch gesicherte Berechtigungen hinterlegt. Sobald sich das Familienmitglied dem Fahrzeug nähert, sendet das Smartphone eine Autorisierungsanfrage an das dort integrierte SDK. Das Fahrzeug zertifiziert diese Anfrage per Token und gibt die für diese Transaktion definierte Aktion – beispielsweise das Öffnen der Fahrzeugtür – frei. 

 

Authentifizierung und Autorisierung funktionieren voll digital, berührungslos und ohne dauerhaften Internetzugang. Zudem können keine sicherheitsrelevanten Daten abgefangen und auf andere Geräte übertragen werden, da nicht die kryptografischen Schlüssel übertragen werden, sondern lediglich unlesbare Zertifizierungsdaten.

 

Sämtliche Benutzer und deren individuelle Nutzungsrechte werden zugriffsgeschützt in der Backend-Anwendung verwaltet. Hier können Administratoren beispielsweise für unterschiedliche Gruppen (Familienmitglieder, Mitarbeiter, Wartungspersonal etc.) individuelle Schlüssel und Rechte vergeben. Das Zusammenwirken aus kryptografischen Schlüsseln, Sicherheitstokens und Rechtverwaltung per Cloud ist daher sicherer als Fernbedienungen oder mechanische Schlüssel. Manipulation und Diebstahl sind ausgeschlossen und selbst wenn ein Benutzer sein Smartphone verliert, ersetzt oder es gestohlen wird, können sämtliche Rechte unverzüglich gelöscht werden.

 

Einfach zu integrieren

 

Das Grundprinzip hat noch einen weiteren erheblichen Vorteil: Es lässt sich einfach an unterschiedliche Anwendungen anpassen. Als einfach zu installierende Nachrüstlösung eignet sich die Technologie beispielsweise ideal für Fahrzeug-Vermieter, Car-Sharing-Anbieter oder Firmenflottenbetreiber. So können die Anbieter mit wenig Aufwand ihren Fuhrpark modernisieren und ihren Kunden eine neue, durchgängig digitale Nutzererfahrung bieten. Der Verzicht auf physikalische Schlüssel vereinfacht zudem die Handhabung, reduziert Kontaktpunkte und senkt damit mögliche Infektionsrisiken.

 

Die digitale Autorisierung und Zugangskontrolle ermöglicht aber auch gänzlich neue Anwendungsszenarien über die Mobilität hinaus. Schließfächer im öffentlichen Raum oder in Fitness-Studios, Zugangstore und -türen zu Firmengeländen oder Bürogebäuden, digitales Schlüsselmanagement in Einkaufszentren – in ganz unterschiedlichen Umgebungen profitieren Hersteller, Betreiber und Endnutzer von der Sicherheit und dem Komfort der digitalen Schlüssel.

 

Ein großes Potenzial liegt darin, auf der Basis von standardisierten Kommunikationsschnittstellen und -Protokollen unterschiedliche Anwendungen miteinander zu verbinden und durchgängige Zugangslösungen vom privaten Wohnen über die individuelle Mobilität bis hin zu öffentlichen oder Bürogebäuden zu schaffen. So wird die digitale Autorisierung zum sprichwörtlichen Türöffner des Internet of Things.

 

1https://de.statista.com/statistik/daten/studie/198959/umfrage/anzahl-der-smartphonenutzer-in-deutschland-seit-2010/

 

2https://www2.deloitte.com/de/de/pages/technology-media-and-telecommunications/articles/global-mobile-consumer-survey-deloitte-deutschland.html