Heinz-Harald Frentzen (re.) zeigt Simon Pfost (Flottenmanagement, li.) seinen umgebauten Apollo Gumpert, der als erstes Vollhybridrennauto beim 24-Stunden- Rennen am Nürburgring 2008 zum Einsatz kam

Ganzheitlich gedacht

Exklusiv-Interview mit dem ehemaligen Formel-1-Vizeweltmeister Heinz-Harald Frentzen über Elektromobilität, Hybridtechnik und seine Zukunft als Rennfahrer

Flottenmanagement: Herr Frentzen, Sie gelten als sehr umweltbewusst, sind seit Jahren ein begeisterter Anhänger der Elektromobilität und erzeugen für Ihre Tesla-Modelle den Strom sogar selbst. Das erscheint auf den ersten Blick für einen Rennfahrer ungewöhnlich. Wie kam es dazu?

Heinz-Harald Frentzen: Ich bin ein Technikenthusiast und für mich war klar, dass ich mir über kurz oder lang ein Elektroauto anschaffen werde. Das Model S von Tesla war dann das, wonach ich gesucht hatte. Ein E-Auto, ausgestattet mit einer großen Batterie und einer dementsprechend großen Reichweite. Zudem eignet es sich mit seinen sieben Sitzen ideal als Familienauto. Natürlich sind die Anschaffungskosten hoch, aber man hat viele verschiedene Vorteile bei einem E-Auto, die erst über die Zeit zur Geltung kommen. Mit der Elektrotechnik hat man überhaupt keine Probleme, die Batterien sind robuster, als man glaubt. Über die Dauer rentiert sich die Investition. Für mich war wichtig, ein ganzheitliches Konzept zu erschaffen und die Autos nicht mit Atomstrom zu laden. Also haben wir auf unserem Dach Solarzellen installiert und Speicherakkus im Keller untergebracht, sodass wir die Autos jederzeit laden und auch die sonstige Energie zum Lebensbedarf daraus speisen können.

Flottenmanagement: In Deutschland tut sich das E-Auto, trotz der Kaufprämie, nach wie vor schwer. Woran liegt dies Ihrer Meinung nach? Was muss sich hier noch ändern?

Heinz-Harald Frentzen: Die wesentlichen Probleme sind die Ladeinfrastruktur beziehungsweise Ladedauer und die Reichweite der Autos. Hier muss sich noch einiges tun. Tesla hat mit den Superchargern schon einen großen Schritt nach vorne gemacht. In einer halben Stunde sind die Batterien wieder auf 70 bis 80 Prozent geladen.

Die Deutschen sollten zudem offener für die Elektrotechnik werden. Ich bin letztens e-mobil nach Südfrankreich gefahren und habe lediglich zwei Stunden länger gebraucht als mit einem konventionellen Verbrenner. Bei Reisen mit dem Elektroauto ist das Stromtanken natürlich das Hauptthema. Da entwickelt man schon vorher eine Strategie. Aber ich kann hier auch verstehen, dass das nicht jedermanns Sache ist.

Flottenmanagement: Sie sind ein Verfechter der Hybridtechnik im Motorsport. Mittlerweile ist sie sogar in der Formel 1 angekommen. Wie ist Ihr Interesse dafür entstanden? Wird sich die Technik künftig noch mehr in Serienfahrzeugen durchsetzen?

Heinz-Harald Frentzen: Ein Anstoß war der Rückzug vieler Sponsoren aus der Formel 1 Anfang der 2000er-Jahre. Die Firmen wollten sich lieber in solchen Sportarten engagieren, die umweltfreundlicher sind oder wo Umwelt zumindest kein Thema ist. Meine Überlegung war, die schlauen Motorsport-Ingenieure umwelteffizienter denken zu lassen. Somit sollte sich auch das Image des Motorsports verbessern. Denn der Motorsport hat nur dann eine Akzeptanz, wenn er zeitgerecht ist und mit der Umwelt in Einklang steht. Dadurch habe ich im Laufe der Zeit meine Ideen entwickelt und eingebracht. Der erste Schritt war die Einbindung von Hybridtechnik, also Elektrotechnik, in das Fahrzeug. Die Energie vom Bremsen sollte rekuperiert werden.

2008 habe ich dann beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring einen umgebauten Gumpert Apollo eingesetzt, den ich damals selbst konzipiert habe. Es war das erste Vollhybridrennauto. Alle Teile, vom passenden Auto bis zur Batterietechnik, habe ich mit den entsprechenden Fachleuten zusammengestellt. Innerhalb von drei Monaten war das Fahrzeug dann so weit zusammengebaut. Allerdings musste schon noch an einigen Stellen improvisiert werden. Gegenüber einem konventionellen Rennauto war unser Apollo 250 Kilogramm schwerer. Das Rennen lief leider nicht ganz so erfolgreich, was aber nicht an der Elektrotechnik lag. Sie hat einwandfrei funktioniert. So konnte man eine Runde vollelektrisch über die Nordschleife fahren. Das hat uns geholfen, weil nach circa drei Stunden das konventionelle Getriebe immer kaputtging, wir dann aber noch elektrisch in die Box fahren konnten. Ich war erstaunt, wie einwandfrei und letztlich einfach diese Technik ist. Dass die Hybridtechnik jetzt in der Formel 1 angekommen ist, war für mich ein logischer Schritt. Ich gehe auch davon aus, dass sie in den nächsten Jahren noch mehr Einzug auf unseren Straßen halten wird.

Flottenmanagement: Die Mobilität ist im Wandel, für viele Menschen ist der Besitz eines eigenen Autos nicht mehr so wichtig wie noch vor einigen Jahren. Als ehemaliger Rennfahrer haben Sie sicherlich einen besonderen Bezug zum eigenen Auto. Wie stehen Sie Angeboten wie Carsharing gegenüber? Nutzen Sie solche oder ähnliche Dienste gelegentlich?

Heinz-Harald Frentzen: Ich bin nicht der typische Carsharing-Kunde, kann mich aber in Leute hineinversetzen, die nicht auf ein eigenes Auto angewiesen sind. Ob das beispielsweise jemand ist, der ständig unterwegs ist, oder ein Student, der noch nicht das Geld für ein eigenes Auto besitzt. Gerade für meine Kinder wird das Thema Carsharing jetzt langsam durchaus interessant. Wenn sie zum Studieren oder Arbeiten in größere Städte ziehen, macht Carsharing oftmals mehr Sinn als ein eigenes Auto. Als Mann hat man aber doch noch oftmals den Wunsch nach einem eigenen Fahrzeug, glaube ich (lacht). Diese Kategorie Mensch wird in den nächsten Jahren nicht ganz aussterben.

Flottenmanagement: Autonomes Fahren ist derzeit in aller Munde. Was halten Sie davon? Inwieweit nutzen Sie Assistenzsysteme im eigenen Auto?

Heinz-Harald Frentzen: Den Autopiloten im Tesla nutze ich ab und an gerne. Das bietet sich besonders bei zähfließendem Verkehr oder im Stau an. Da kann man komplett entspannen und man braucht nicht mehr jede Sekunde auf den Verkehr zu achten. Ich bin ein Befürworter des autonomen Fahrens. Dagegen steht sicherlich die Meinung der „Petrolheads“, die sich überhaupt nicht damit anfreunden können. Aber ich sehe das autonome Fahren vielmehr als Angebot und nicht als Muss. Für die Zukunft erwarte ich, dass dadurch auch das schnelle, selbstgesteuerte Fahren sicherer und überschaubarer wird. Denn durch die steigende Anzahl an autonomen Fahrzeugen werden die Risiken, wie beispielsweise das abrupte Spurwechseln, deutlich minimiert. Wie so oft bringt eine neue Technik aber nicht nur Vorteile. Ich glaube, dass beispielsweise der Bereich Taxi/Fahrdienste unter den autonomen Fahrzeugen leiden wird.

Flottenmanagement: Zurück zum Motorsport: Die Formel E ist vor etwas mehr als zwei Jahren gestartet. Wie sehen Sie die Entwicklung der Rennserie?

Heinz-Harald Frentzen: Ich habe die Serie damals für die CNN vorgestellt und bin selbst mit einem Formel-E-Fahrzeug gefahren. Man kann nicht von heute auf morgen erwarten, dass ein Elektroauto genau die gleichen Leistungsdaten erreicht wie ein Formel-1-Auto, das mit 150 Litern Benzin sehr viel Energiegehalt im Tank besitzt. Mein Elektro-Pkw beispielsweise hat in der Batterie einen umgerechneten Energiegehalt von zwölf Litern Treibstoff. Mehr ist nicht möglich, da die Batterie sonst zu schwer werden würde. So ist es auch mit den Formel-E-Autos, bei denen der Energiegehalt umgerechnet sogar gerade einmal vier Liter Treibstoff beträgt. Das ist schon ungeheuerlich, was sie damit erreichen.

Mittlerweile beschäftigen sich internationale Firmen und Automobilhersteller mit der E-Mobilität und damit, wie man ein E-Auto schneller und leistungsfähiger machen kann. Hier ist man nun auf dem richtigen Weg. Ich gehe davon aus, dass man aus der Formel E Erfahrungswerte für die E-Mobilität auf der Straße herausarbeiten kann, die auch für den konventionellen Nutzer später sinnvoll sein werden. Es gibt noch viele Verbesserungsmöglichkeiten. Die Formel E setzt ein Getriebe mit vier Gängen ein, das braucht man bei einem E-Fahrzeug nicht. Der Batteriepack, der in den Formel-E-Fahrzeugen verbaut ist, wird normalerweise für Windkrafträder gebaut und ist dementsprechend nicht optimal für ein Rennauto geeignet. Hier steht man also erst am Anfang der Entwicklung. Für viele sind Elektrosportwagen derzeit noch ein bisschen zu abstrakt, weil man Motorsport mit Lautstärke verbindet. Die Formel 1 hat ja trotz Kritik den Schritt Richtung Turbotechnologie gewagt. Sie ist sehr viel effizienter und leistungsfähiger und eben auch deutlich leiser. Lautstärke heißt nicht automatisch Kraft oder Schnelligkeit. Daran müssen wir uns gewöhnen. Die V8-Saugmotoren sind heute aus technischer Sicht antiquiert, auch wenn sie einen „geilen“ Sound haben. Und das Schlüsselelement bei E-Rennen ist ja immer noch das Racing, also das Bestmögliche technisch und fahrerisch herauszuholen.

Flottenmanagement: Ein Blick noch auf die Formel 1: Was erwarten Sie in der kommenden Saison? Und hat Sie Nico Rosbergs Rücktritt überrascht?

Heinz-Harald Frentzen: Die Formel 1 wird durch die Regeländerungen deutlich schneller, der Anspruch an den Fahrer wird größer sein, auch körperlich. Ich begrüße es, dass die Formel 1 wieder einen Schritt in den Speed macht. Neben Mercedes schätze ich Red Bull sehr stark ein. Sie betreiben mit Renault eine eigene Motorenentwicklung und haben mit Mario Illien einen Topingenieur in ihren Reihen. Vielleicht macht Ferrari noch einen Sprung oder ein Team fährt vorne mit, das noch keiner auf der Rechnung hat. Das gleicht aber letztlich alles einem Blick in die Glaskugel.

Mir war klar, dass der Titel bei Nico Rosberg nur eine Frage der Zeit ist. Er hat sich sehr stark unter Druck gesetzt, wahrscheinlich hat ihn das immer etwas gehemmt. Ich habe schon in den letzten Jahren gesehen, er kann mehr, als er demonstriert, und für ihn gehofft, dass er den Titel holt. Dann hätte er in Zukunft viel freier fahren können. Der Rücktritt hat mich daher schon überrascht. An seiner Stelle hätte ich die Zeit jetzt erst richtig genossen. Aber letztlich weiß natürlich nur er, was das Beste für ihn ist. Vielleicht macht er aber ja auch schon im nächsten Jahr sein Comeback ...

Flottenmanagement: Comeback ist ein gutes Stichwort. In den letzten Wochen wurde über Ihre Rückkehr in ein Cockpit im Motorsport spekuliert. So absolvierten Sie zuletzt mit dem Tesla-Sportwagen EDT Car V1.3 eine Probefahrt. Das Fahrzeug wird in diesem Jahr an der erstmals ausgetragenen Elektrischen GT-Meisterschaft teilnehmen. Werden wir Sie dort oder in einer anderen Klasse wiedersehen?

Heinz-Harald Frentzen: Ich würde es nicht ausschließen. Entschieden ist aber noch gar nichts. Es gibt eine ganze Reihe von attraktiven Möglichkeiten. Toll wäre es, wenn ein Konzern aus der deutschen Industrie erkennen würde, wie man die Begriffe E-Mobilität und Racing mit meiner Person so verknüpfen kann, dass für alle Seiten etwas Positives herausspringt.


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