Verspätungen oder Ausfälle bei Flügen sind immer ärgerlich – Passagiere sollten hier ihre Rechte kennen
Grafik 1
Grafik 2
2013 waren in Deutschland 28.115 Flüge (2012: 25.114) von mehr als drei Stunden Verspätung oder Ausfall betroffen (Quelle: Saarbrücker Zeitung, 8/2014)

180 Millionen Euro verschenkt

Drei Stunden auf den Flieger warten: Eine Vorstellung, die keinen sonderlich erfreut. Aber wie schaut es mit den Rechten bei derlei Verspätungen aus? Nur die wenigsten Fluggäste schöpfen hier die juristischen Mittel aus und verschenken damit bares Geld. Flottenmanagement bringt Sie auf den neuesten Stand.

Die aktuellen Rechte von Flugpassagieren (Verordnung 261/2004/EG) wurden am 11. Februar 2004 von Europäischem Parlament und Rat verabschiedet und traten am 17. Februar 2005 in Kraft. In der Fluggastrechte-Verordnung ist festgehalten, welche Leistungen Fluggesellschaften gegenüber ihren Passagieren zu erbringen haben, wenn es zu einer Flugverspätung oder zu einem Flugausfall kommt. Dazu zählen neben Versorgungsleistungen wie kostenlosen Getränken und Snacks auch Unterkünfte. Unter bestimmten Voraussetzungen können Fluggäste zudem eine Entschädigungszahlung verlangen (siehe Grafik 1).

Anwendbar ist diese Verordnung jedoch nur bei Flügen, die in der EU starten (unabhängig vom Sitz der Fluggesellschaft). Zudem ist sie bei allen in der EU landenden Flügen aus Drittstaaten wirksam (Voraussetzung: Airline hat Sitz in EU). Spezialtarife (beispielsweise kostenloses oder vergünstigtes Reisen), die für die Öffentlichkeit nicht ohne Weiteres zugänglich sind, werden von der Verordnung ausgeschlossen. Im Wesentlichen gehören speziell ausgehandelte Großkundentarife von Firmen oder vergünstigte Tarife für Reisebüromitarbeiter dazu.

Verspätung: Wann besteht Anspruch auf Entschädigungsleistung?
Für einen Anspruch auf eine Entschädigungszahlung müssen seitens der Reisenden mehrere Dinge berücksichtigt werden: Neben einer pünktlichen Anwesenheit beim Check-in (45 Minuten vor dem geplanten Flug, wenn nicht von der Airline anders angekündigt) zählt dazu ebenfalls ein gültiges Ticket.

Zu beachten ist: Der Passagier hat nur einen Anspruch auf eine Entschädigungszahlung durch die Fluggesellschaft, wenn diese für die Verspätung verantwortlich ist. In der Regel ist dies bei technischen Defekten der Fall, bei Streik und wetterbedingten Verspätungen wiederum nicht.

Bei einem Streik gelten allerdings einige Sonderregelungen. Maßgeblich geht es darum, ob die Fluggesellschaft alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen hat, um die Auswirkungen des Streiks zu vermeiden. Dazu werden auch Umbuchungen auf Flüge anderer Airlines gezählt. Wenn sich der Flug auf einen anderen Tag verschiebt, muss die Airline die Übernachtung im Hotel übernehmen. Auch wenn die Passagiere Kenntnis von einem Streik und einer hieraus resultierenden Verspätung des Fluges haben, sollten sie zur ursprünglichen Abflugzeit am Flughafen sein. Denn ansonsten besteht die Gefahr, dass potenziell kurzfristig angebotene Ersatzflüge verpasst werden. In dem Falle wären weitere Ersatzansprüche ausgeschlossen.

Bei Flugverspätungen, die von der Airline verursacht wurden, sieht die Verordnung vor, dass finanzielle Entschädigungen erst bei einer gewissen Dauer der Wartezeit zu leisten sind (siehe Grafik 2). Dabei präzisierte der Europäische Gerichtshof mit einem Urteil im September dieses Jahres die Berechnung der Verspätung bei der Ankunft. So ergibt sich die exakte Verspätung am Zielflughafen mit dem Öffnen der Türen des Flugzeugs und nicht bei der Landung (Rechtssache: C-452/13).

Welche Möglichkeiten haben Passagiere, um ihre Entschädigung/Erstattung zu erhalten?
Die EU-Kommission hat ein spezielles Beschwerdeformular für Fluggastrechte entwickelt. Es lässt sich unter anderem auf der Seite www.europa. eu herunterladen. Das Formular muss ausgefüllt und an die entsprechende Fluggesellschaft geschickt werden, eine Kopie sollte aufbewahrt werden. Sollte es seitens der Airline keine oder nur eine unzureichende Rückmeldung geben, können sich Passagiere bei der zuständigen nationalen Behörde (in Deutschland: Luftfahrt-Bundesamt in Braunschweig) beschweren. Experten raten, sich Verspätungen oder Absagen immer gleich am Flughafen von der Fluggesellschaft schriftlich bestätigen zu lassen.

Das Einschalten eines Anwalts stellt eine weitere Möglichkeit dar, um an seine Entschädigung zu gelangen. Klagt ein Flugpassagier auf eine Zahlung einer bestimmten Summe und verliert, muss er jedoch sowohl die Kosten für seinen eigenen Anwalt als auch die des Gerichts und der Gegenseite tragen.

Eine weniger risikoreiche Alternative zur Klage sind die privaten Inkassodienste EUclaim, FairPlane, Flightright und refund.me. Sie streiten für den Passagier mit der Fluggesellschaft und tragen die Kosten, wenn eine Klage scheitert. Dafür erhalten die Fluggasthelfer bei Erfolg im Gegenzug bis zu 30 Prozent Provision. Eine Einschränkung gibt es: Die Unternehmen übernehmen ausschließlich Erfolg versprechende Fälle, die Erfolgsquote ist dementsprechend hoch.

Zwei annullierte Flüge – zwei Entschädigungen
Mit dem Urteil des Frankfurter Amtsgerichts (September 2014) zu Entschädigungszahlungen bei Flugausfall wurden die Fluggastrechte erneut gestärkt. Bei dem Fall hatte ein Reisender weder seinen gebuchten noch den alternativen Flug nach jeweiliger Annullierung antreten können und wurde nun für beide entschädigt. Dies stellt wohl allerdings eher die Ausnahme als die Regel dar.

Verspätungen von über drei Stunden bleiben für die Airlines das Hauptproblem in der Entschädigungsfrage und machen rund 90 Prozent der Klagen aus. Für die restlichen zehn Prozent sind verpasste Anschlussflüge oder „einfache“ Annullierungen verantwortlich. Obwohl auch Überbuchungen Entschädigungen nach sich ziehen können, tendiert die Klagebereitschaft hier momentan gegen null. Das Hauptproblem bleibt aber auch mit dem neuerlichen Urteil bestehen: Die wenigsten Fluggäste kennen ihre Rechte und konfrontieren noch viel zu selten die Airlines mit ihren Ansprüchen. Allein deutschen Fluggästen gehen dadurch Jahr für Jahr etwa 180 Millionen Euro verloren. Weltweit liegt der Anspruch sogar bei 835 Millionen Euro.*

Wichtig: Der tatsächliche Flugpreis spielt bei der Entschädigung keine Rolle. Wer beim Ticketkauf ein Schnäppchen macht, kann so unter Umständen am Ende mehr Geld ausbezahlt bekommen, als die Reise insgesamt gekostet hat. Zudem müssen Entschädigungszahlungen nicht versteuert werden.

Fazit
Die Fluggastrechte wurden durch die letzten Urteile nochmals deutlich gestärkt. Von Annullierungen, Umbuchungen, verpassten Anschlussflügen oder größeren Verspätungen betroffene Passagiere sollten ihre Rechte wahrnehmen und eine Entschädigung von der jeweiligen Fluggesellschaft fordern. Einen ersten Überblick bieten diverse Internetportale (unter anderem die oben genannten Inkassodienste). So lässt sich dort auch kostenlos die Höhe (beziehungsweise gegebenenfalls die Art) der Entschädigung berechnen. Grundsätzlich ist es als Betroffener sinnvoll, die Fluggesellschaft erst einmal selbst zu kontaktieren. Sollte daraufhin nicht das gewünschte Ergebnis erzielt werden, ist der Weg zu einem privaten Inkassodienst der wohl risikoärmste. Falls dieser Inkassodienst den Fall ablehnen sollten, bleibt die Möglichkeit, einen Rechtsanwalt einzuschalten. Denn eine Absage der Inkassofirmen bedeutet nicht automatisch, dass der Fluggast keinen Anspruch auf eine Entschädigung hat.

 

* Quelle: Die Zahlen im Absatz sind vom Unternehmen refund.me übernommen.


Kommentare
Noch keine Kommentare.
IHR KOMMENTAR ZUM THEMA
Name:
E-Mail:
(optional)

Kommentar:*
KOMMENTAR SENDEN
ANZEIGE
Neueste Kommentare
Neueste Videos
Am häufigsten gelesen
Neueste Artikel
Am besten bewertet
Flottenkompetenz
Finden Sie wonach Sie suchen!
Flottenkompetenz liefert direkten Kontakt zu überregionalen und lokalen Dienstleistem rund um das Thema Auto.
Suche:
Top RSS Meldungen
Flottenmanagement Magazin - 6 / 2014
Die Topthemen:

- Zeit ist Geld

- Alles im Lack?!

- Aller guten Dinge sind 4

Zum Seitenanfang