Mehr als nur ein Trend

Fukushima, der deutsche Atomausstieg, verheerende Tsunamis und Seuchen wie EHEC und Schweinegrippe haben zu einem gesamtwirtschaftlichen Bewusstseinswandel geführt, der auch in den Unternehmen angekommen ist. Ein Baustein des Nachhaltigkeitsgedankens sind „grüne“ Geschäftsreisen.

Gerade jetzt, da sich die Wogen der Finanzkrise langsam glätten, rücken neben den monetären auch wieder andere Aspekte in den Vordergrund. „Nachhaltige Mobilität war schon immer in den Hinterköpfen der Verantwortlichen – jetzt sollten die Ressourcen wieder vorhanden sein, um mehr CO2-Verantwortung zu übernehmen und für Nachhaltigkeit zu sensibilisieren“, so Dirk Gerdom. Der Präsident des deutschen GeschäftsreiseVerbands VDR spricht aus Erfahrung: Hauptberuflich verantwortet er das globale Travel Management der SAP AG in Walldorf. Der umfassende Begriff „Nachhaltigkeit“ schließt nicht nur wirtschaftliche und soziale Interessen mit ein, sondern auch umweltrelevante Kriterien. Die Geschäftsreisetätigkeit ist je nach Branche des Unternehmens ein sehr großer, mittlerer oder aber auch ganz kleiner „Emissions-Treiber“ im Nachhaltigkeitsbericht. Ein verantwortungsvoller Einkauf trägt deshalb maßgeblich zur CO2-Bilanz des Unternehmens bei. Mittlerweile haben nicht nur große börsennotierte Unternehmen die Notwendigkeit einer seriösen Nachhaltigkeitsstrategie entdeckt, auch kleine und mittelständische Unternehmen stellen sich der Verantwortung. Die Unternehmen, die sich jetzt mit dem Thema auseinandersetzen und Prozesse etablieren, werden langfristig gesehen für den Wettbewerb gut gerüstet sein.

„Tatsache ist, dass Unternehmen zunehmend Informationen über das nachhaltige Verhalten ihrer Leistungsträger abfragen. Das mag aus rein formalen Vorgaben US-amerikanischer Börsenregeln resultieren oder aus echtem Interesse“, erklärt der Hauptgeschäftsführer des Geschäftsreise- Verbands, Hans-Ingo Biehl. Noch stehen in den Einkaufsabteilungen der Unternehmen eher wirtschaftliche Kriterien im Vordergrund, aber die Branche muss sich damit auseinandersetzen, denn nach dem Vorbild USA könnte in Zukunft auch deutschen Unternehmen mehr „Druck von oben“ bevorstehen. „Wir stellen fest, dass es Unternehmen gibt, die sich sehr intensiv mit dem Thema beschäftigen, und es gibt ebenso andere, die das Thema noch gar nicht aufgegriffen haben. In vielen Unternehmen sind nachhaltige Denkweisen noch in den Kinderschuhen. Aber das Interesse ist zu spüren – und es gibt bereits viele gute Ansätze“, so Hans-Ingo Biehl.

Der VDR hat Nachhaltigkeit in seiner Charta und der Satzung festgeschrieben. In der Praxis beschäftigt sich ein Fachausschuss – ein Expertenkreis aus Travel Managern, Umweltbeauftragten und Dienstleistern – mit dem Themenkomplex. Neben einem Wegweiser Nachhaltigkeit, ein Leitfaden für Travel Manager für die Umsetzung nachhaltigen Travel Managements im Unternehmen, wurde bereits ein RFP-Nachhaltigkeit mit einem „grünen“ Fragenkatalog für alle Leistungsträger wie Flug, Bahn, Hotel, Mietwagen und Reisebüro entwickelt. „Das Thema benötigt eine fundierte Grundlage“, so VDR-Präsident Dirk Gerdom. „Wir arbeiten daher mit verschiedenen Partnern zusammen, um Standards über alle Leistungsträger hinweg zu schaffen. Wenn in Unternehmen die ‚grüne’ Richtlinie die Reiserichtlinie im Travel Management ergänzt und sie akzeptiert wird, ist ein großer Schritt in Richtung umweltverträgliche Geschäftsreise getan.“

Die Diskussion, wie nachhaltige Mobilität gestaltet werden kann, wird ein wichtiges Thema bleiben. Unternehmen, Kunden und Politik haben erkannt, wie wichtig ein überlegter Umgang mit Ressourcen und Emissionen ist – und fördern dies bereits entsprechend. Firmen mit eindeutiger Position zu Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility entwickeln Werte, haben eine stärkere Nachfrage und positionieren sich besser. Währenddessen verlieren Statussymbole an Wert und weichen nachhaltigen Mobilitätslösungen – Car Sharing, E-Mobilität und Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln werden gesellschaftsfähig.

In den Hotels ist dies bereits angekommen – was auch gut so ist. Schließlich trägt die Branche Verantwortung: Laut German Convention Bureau (GCB) ziehen die jährlich fast drei Millionen Veranstaltungen über 300 Millionen Teilnehmer nach Deutschland. Bedenkt man, dass selbst moderne Hotels einen CO2-Ausstoß von knapp drei Kilo pro Übernachtung produzieren, errechnen sich atemberaubende Zahlen. Doch die Hotellerie denkt längst „grün“. Über die Hälfte der rund 12.000 Full-Service-Hotelbetriebe in Deutschland unternehmen einiges in Sachen Nachhaltigkeit und ökologische Ausrichtung. Angefangen hat alles mit dem Hinweis auf die Handtuchbenutzung und mit Appellen zum Wassersparen. Mittlerweile stellen Hotels die Minibar in Frage und haben keinen Kühlschrank mehr im Zimmer, um Energiekosten einzusparen und Verluste durch unbezahlte Produktentnahmen vermeiden. Stattdessen gibt es Verkaufsautomaten auf den Etagenfluren, und beim F&B-Konzept setzen die Hoteliers auf regionale Zulieferer. Das Engagement reicht bis zum recycelten Kugelschreiber im Zimmer. „Green Hospitality ist ein Managementthema mit hoher strategischer Bedeutung. Durch Zertifizierungen bekommt es ein Gesicht nach außen“, so Dirk Gerdom. Weil der Markt hier aber noch nicht transparent genug ist, hat der Verband ein Siegel speziell für Geschäftsreisende, Travel- und Event Manager entwickelt. Das Zertifikat „Certified Green Hotel“ zeigt die nachhaltige Qualität eines Hotels und wird zusätzlich zu den Prädikaten Certified Business Hotel und Certified Conference Hotel verliehen. „Dieses Siegel ist eine verlässliche, vom Gast nachvollziehbare Auszeichnung, die ihm die Sicherheit gibt, dass sich das Hotel ehrlich und glaubwürdig mit dem Thema auseinandersetzt und sich das gute Gewissen nicht erkauft“, sagt der VDR-Präsident. Die 70 Kriterien für ein Certified Green Hotel sind aufgeteilt in die Kategorien Energie, Wasser, Müll, Essen und Trinken, Mobilität, gesellschaftliche Verantwortung (CSR) sowie Information und verantwortungsvolles Handeln.

Certified Green Hotel kommt dann zum Einsatz, wenn sich das Unternehmen dazu entschieden hat, etwas für die Welt der Zukunft zu tun. Und das wollen immer mehr Firmen. Viele nationale und internationale Unternehmen haben in ihrem Kerngeschäft deshalb bereits Nachhaltigkeitskonzepte integriert. Auch Travel Manager haben im Ansatz ähnliche Prinzipien – die praktische Anwendung ist jedoch meistens begrenzt. Welche Verkehrsmittel oder Anbieter für Dienstreisen gewählt werden, hängt in der Regel von Preis, Reisedauer und Komfort ab. Die Faktoren Nachhaltigkeit und Umwelt stehen oft noch hinten an.

„Eine Nachhaltigkeitsstrategie im Unternehmen in allen Prozessen zu verankern geht nicht von heute auf morgen. Hier sollte man schrittweise vorgehen“, so der Verbandspräsident. So banal der erste Schritt in Richtung nachhaltige Reiseplanung klingt – er ist wichtig und bereits Bestandteil eines intelligenten Geschäftsreisemanagements: die Frage nach der Notwendigkeit der Reise. Erst wenn Alternativen wie Web-, Video- und Telefonkonferenzen ausgeschlossen sind (etwa bei Terminen zum Kennenlernen oder wichtigen Vertragsabschlüssen), kommt Punkt zwei zum Tragen: die Wahl des Verkehrsmittels und des richtigen Anbieters. Gerade im Bereich PKW bieten die Leistungsträger vermehrt intelligente Lösungen an – das reicht von Mitfahrgemeinschaften bis hin zum firmeninternen Car-Sharing. Unternehmen können solche Angebote gezielt fördern, zum Beispiel mit Jobtickets für den öffentlichen Nahverkehr oder indem sie Shuttle-Services zwischen zwei Standorten einführen. Auf Kurzstrecken kann statt des Fliegers die Bahn gebucht und bei Mietwagen auf Upgrades in die höhere, meist spritintensivere Variante verzichtet werden.

Bei allem Engagement und Willen zur Nachhaltigkeit ist das Thema Umweltschutz für den Travel Manager noch keine Kernaufgabe. Preisverhandlungen, Optimierung interner und externer Prozesse sowie die Koordination von Leistungsträgern stehen weiterhin im Vordergrund. Deshalb geht nichts ohne Unterstützung durch die Umweltabteilung, denn die Materie „nachhaltige Dienstreisen“ erfordert Zeit und Fachkenntnis.


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